Verwesung oder: Ein ganz schrecklicher Unfall
So nicht!
Wir haben auf der einen Seite das scheußliche Ungeheuer, das mutmaßlich mordend durchs Moor watet. Und auf der anderen Seite den Gutmenschen David Hunter, der uns mit seinem verkrampften Bemühen um moralische Aufrichtigkeit ganz gehörig auf den Senkel geht. Dann - Überraschung! - ist alles doch ganz anders, als wir dachten. Diesmal steht kein langjähriger Rollstuhlfahrer plötzlich aus seinem Gefährt auf. Diesmal wird es noch um einiges wahnwitziger. Obwohl "witzig" ist das nicht wirklich mehr...
Wir haben mit "Verwesung" einen weiteren nicht lesenswerten Beckett-Roman, der sich bestenfalls auf dem schwachen Niveau von "Obsession", "Flammenbrut" oder "Voyeur" bewegt.
Enttäuschend! Fast schon bemitleidenswert konstruiert Beckett eine Geschichte, die an Logikfehlern und Doofheit strotzt. So muss für die - David-Hunter-typische - "völlig unerwartet Wendung" diesmal der dumpfe Erstverdächtige hinhalten. (Achtung Spoiler bis Ende des Absatzes:) Nicht genug, dass er ein asoziales, ungebildetes, gewalttätiges Monster ist (unschwer zu erkennen, weil Beckett ihn nervend oft "Verdammte Scheiße!" fluchen läßt!), - nein, er ist auch noch dermaßen dämlich, dass er tatsächlich die unfreiwillige Opferrolle des Mädchenmörders jahrelang angenommen hatte. Aus welchen bescheuerten Gründen auch immer, ist nun sein einziges Bestreben, die Gräber der Leichen zu finden, die er gar nicht auf dem Gewissen hat. Der wahre Täter ist natürlich wieder ganz nah...
Die Dialoge sind eine Katastrophe. Die Motive der einzelnen Personen für deren irrsinniges Verhalten bleiben oft suspekt. Und entweder ist das Buch ganz mies übersetzt oder der Autor tatsächlich ein lausiger Erzähler. Sein weicher Stil nervt irgendwann jedenfalls ungemein. Das größte Rätsel dieses Buches ist insofern die Tatsache, dass immer noch viele Liebhaber der ersten drei Hunter-Fälle auch diese absurde, unterirdische Story mit Bestnoten adeln. Waren die ersten drei Hunter-Romane noch über weite Strecken interessant, spannend und (mehr oder weniger) nachvollziehbar, ist diese Fortsetzung wirklich in jeder Beziehung ein einziges Unfall. Und da fällt mir ein schöne Metapher ein, die ich in einem ähnlichen Kontext vor Jahren in der taz las, denn Verwesung "zu lesen, ist wie an einem Autounfall vorbeizufahren: eine Erfahrung, die man nicht unbedingt wiederholen möchte, die einen noch eine ganze Weile beschäftigt und die einige Fragen aufwirft. Wie konnte das passieren? Tut es sehr weh? Wie schwer sind die Verletzungen? Ist die Polizei schon da? Wer zahlt den Schaden?"
Vielleicht fällt meine Kritik nur deswegen so vernichtend aus, weil ich zuvor Jonathan Franzens "Freiheit" gelesen haben, ein fantastischer, unheimlich geistreicher Roman, der sprachlich in der Champions-League spielt, während "Verwesung" irgendwo in der Regionalliga herumstolpert.