Wenn Qualität über Lautstärke triumphiert...
Wer versucht, "F" zu rezensieren, begibt sich auf dünnes Eis, denn in Anbetracht von Daniel Kehlmanns Scharfsinn und Sprache, läuft man schnell Gefahr, einzubrechen.
"F" machte mich von der ersten Sekunde süchtig. Einen derart komplexen Roman in solch einer nonchalanten Diktion zu schreiben, ist in meinen Augen eine Meisterleistung, die ich bisher selten erlebt habe. Kehlmann versteht es, die großen Themen "katholische Kirche", "Finanzwelt" und "Kunstbetrieb" und deren grotesken Metaebenen gekonnt und humorvoll zu verknüpfen. So raffiniert wie der Roman abgebaut ist, verliert er nie an Dynamik und Spannung. Selten schweift Kehlmann in übersinnliche und bizarre Momente ab, ohne jedoch das Gefüge der Geschichte zu beschädigen. Kundig bewegt sich der Autor in den verschiedenen Milieus der Protagonisten und formuliert listig und für jedermann verständlich die Absurdität ihres Versagens. Möglicherweise bedienen die drei Brüder oberflächlich viele Stereotypen ihrer jeweiligen Branche, doch das wirklich Entscheidende jedes Charakters, liegt in ihren individuellen Geheimnissen, die sie um jeden Preis verbergen wollen. Und was "F" zu einem literarischen Hochgenuß werden läßt, ist sein loriot'eske Humor, der in zahlreichen Dialogen und Situationen aufblitzt. Der Roman besitzt unzählige interessante Denkanstöße und Ideen, die Kehlmann scheinbar lässig aus dem Ärmel zu schütteln vermag und die auf so manchen mittelmäßigen Schriftsteller demotivierend wirken dürften. Allein die Abstraktionen über die eineiigen Zwillinge Eric und Iwan bieten oft ein amüsantes Gedankenspiel.
Ich verzichte ganz bewußt auf konkrete Beispiele und Handlungsabläufe, denn dies würde den Lesespaß deren mindern, die sich glücklich schätzen können, das Buch das erste Mal lesen zu dürfen. "F" zeichnet ein cleveres Spiegelbild einer korrupten, bigotten Gesellschaft. Der Roman stellt immer wieder die Frage nach dem Einfluß von Religion, Determinismus und Metaphysik auf unser Leben und illustriert virtuos, dass sich jede kulturelle Errungenschaft früher oder später pervertiert.
Die (auch) hier in sternenarmen Kritiken gelegentlich formulierten Vorwürfe, der Roman sei zu konstruiert und hätte über unsere Gegenwart nicht viel mehr zu erzählen, als einer Folge "Lindenstraße", machen auf mich einen mißgünstigen und unlauteren Eindruck. Ein Blick auf die Bestseller-Listen genügt, um schrecklich dumme Romane mit unangenehm schlichten Satzbau zu identifizieren, - "F" gehört mit Sicherheit nicht dazu. Und Rezensenten, die dieses Buch mit weniger als vier Sternen bewerten, sollten sich im Klaren sein, auf welches traurige Niveau sie diesen außergewöhnlichen Roman herabzerren. Man muss "F" ja nicht mögen, die intellektuelle Leistung des Autoren ist jedoch unbestritten und der eines Dan Brown oder Simon Beckett um Lichtjahre überlegen... und entsprechend zu würdigen.
Zu loben bleibt abschließend noch die hervorragende Hörbuchfassung. Burghart Klaußner trifft den Ton des Romans ganz wunderbar. Obwohl der Wunsch vermutlich ein frommer bleiben wird, hoffe ich einfach, dass niemand auf die irrwitzige Idee kommt und diese Geschichte verfilmen will. (Und wenn's schon sein muss, bitte nicht noch einmal Detlev Buck!)