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    Magnolia

    Aktiv seit: 05. November 2023
    "Hilfreich"-Bewertungen: 20

    Bitte beachten Sie

    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    364 Rezensionen

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    Weißer Rausch

    Anu Ojala
    Weißer Rausch (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    21.10.2026

    Frostig, eiskalt, brutal

    „Weißer Rausch“, den ersten Band der Lappland-Trilogie, habe ich zeitgleich gelesen und gehört, habe diesen Thriller sozusagen mir allen Sinnen genossen.
    Kriminalhauptkommissarin Ronja Jentzsch leitet die RYR, eine grenzübergreifende Ermittlungseinheit, die es mit grausamen Morden zu tun hat, gleichzeitig spielen Drogen mit hinein. Und wäre das nicht genug, scheint der junge Zollbeamte Kristian ins Geschehen involviert zu sein. Schon die ersten Seiten haben viel zu bieten, nach dem eiskalten Prolog geht es gleich mal brutal zur Sache. Nervenstärke, die man das ganze Buch über nie verlieren sollte, ist angesagt.
    Man ist sofort im Geschehen, die Perspektiven wechseln von den Ermittlungen zu Einblicken sowohl in die Drogenszene als auch in das Leben der späteren Mordopfer. Darüber hinaus bekommen wir von Ronjas privaten Problemen einiges mit und auch von Kristian, dem Zollbeamten, Ehemann und Vater, dessen Privatleben nochmal eine ganz andere Dimension freilegt.
    Neben den knallharten Thriller-Elementen spürt man regelrecht die Eiseskälte, die in der finnisch-schwedischen Grenzregion herrscht. Eiseskälte, die aber nicht nur dem Winterwetter in Lappland geschuldet ist, nein. Auch die Story an sich lässt keine Wärme aufkommen. Und genau dieses frostige Miteinander vermittelt Lina Syren, die Hörbuchsprecherin, die jeder einzelnen Person seine individuelle Note gibt und man auch dank ihres akzentuierten Vortrages weiß, wer gerade spricht bzw über wen erzählt wird.
    Die Story an sich ist dicht bepackt. So etliche Handlungsstränge, einhergehend mit immer mehr Personen, fordern ein aufmerksames Lesen/Hören. Dazu kommen die vielen nordischen Namen, die uns nicht sehr geläufig sind. Hier hatte ich den Vorteil der richtigen und flüssigen Aussprache des Hörbuches, sodass ich bald auch über diese „Stolpersteine“ locker hinweglesen konnte, auch wenn das Geschehen an sich alles andere als entspannt ist.
    Dieser Auftaktband der Lappland-Trilogie lässt einen nicht nur der eisigen Temperaturen wegen frösteln. Von Drogen, grausamen Foltermethoden und unerbittlicher Härte bis hin zu Mord ist alles dabei, was menschliche Abgründe offenbart und nicht genug damit, haben wir es mit häuslicher Gewalt in schlimmster Ausprägung zu tun.
    Ein Thriller der harten Sorte, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat, der mit Cliffhanger endet, was mir aufgrund der langen Wartezeit auf den nächsten Band so gar nicht gefällt. Erscheinungstermin ist Oktober 2027 und dann heißt es wiederum ein Jahr warten auf den Abschlussband, der im Oktober 2028 erscheint.
    Ein und Alles

    Martin Suter
    Ein und Alles (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    21.10.2026

    Perfekt inszeniertes Trauma

    Mila wartet. Aber er kommt nicht. Schon seltsam, dass Sascha die ganze Nacht wegbleibt, das sieht ihm gar nicht ähnlich. Im Traum sieht sie ihn. Sieht, dass es ihm gutgeht. Im Wachzustand jedoch weiß sie, dass er nicht da ist.

    Schon der Anfang lässt ahnen, dass hier ganz und gar nichts stimmt. Als sie dann erfährt, dass er auch in der Firma fehlt und mit ihm ein nicht unerheblicher Geldbetrag, wird es noch ein Stück weit mysteriöser. Sascha leitet das Rechnungswesen, dabei verwaltet er astronomische Summen. Sein Mitarbeiter kommt ins Spiel, man denkt in diverse Richtungen. Milas Weg führt sie auf einen Campingplatz. Camping Herzsee. Zu einem Mann, der sie in ihrem Gefühl bestärkt, dass ihre Träume real sind. Es treibt sie um, suchen diese nicht zu fassenden Träume sie doch öfter auf. Zudem sieht die von der Firma eingeschaltete Polizei sie in diese Sache involviert.

    Beim Lesen hatte ich an „Melody“ gedacht. An eine Geschichte, die sich offen präsentiert, bis zum Schluss, der alles umkrempelt.

    Und genau das meinte ich während des Lesens zu spüren. Martin Suter ist ein Meister, Dinge zu präsentieren, die sich nicht schlüssig erklären lassen. Gerade hier, in „Ein und Alles“, liefert er diesen Beweis des Unerklärbaren, gar des Übersinnlichen? Man weiß es nicht, was es ist. Ein Kriminalfall? Ein knallharter Betrug? Oder doch eine wie auch immer geartete Liebesgeschichte? Bei dem der Gesuchte stets im Mittelpunkt steht, er aber mit Abwesenheit glänzt. Auch darf die Frage erlaubt sein, welche Rolle Mila hier spielt. Ist sie die verlassene Ehefrau? Ein großes Lesevergnügen, das federleicht daherkommt, ist es auf jeden Fall.

    Martin Suter liefert beste Unterhaltung mit vielschichtigen Charakteren, dabei lässt er seine Leser im Unklaren und was der Schluss dann zutage fördert, ist großes Kino.
    Die Spionin von London

    Julius Arth
    Die Spionin von London (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    17.10.2026

    Spionage, Intrigen und mehr vor eisiger Kulisse

    Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich mit Begeisterung „Die Brücke von London“ gelesen und nun hat Julius Arth mich wiederum nach London entführt, diesmal ist es die zugefrorene Themse, wir schreiben das Jahr 1684.
    Der Große Frost, wie er in die Geschichte eingeht, beschert dem Fluss eine enorm dicke Eisschicht, schon bald gelten die Frostmärkte als Sensation. Der berühmteste dieser Märkte findet in diesem Winter statt, von dem „Die Spionin von London“ handelt. Das Leben spielt sich am Ufer und auf der Themse ab, Buden werden errichtet, Schausteller bieten ihre Künste an, ganz London trifft sich genau hier. Es gibt alles, was das Herz begehrt.
    Und da sind Emma und Ruth. Erstere wurde in die Ehe mit einem Adeligen gezwungen und Ruth hatte großes Glück, ihrem gefährlichen Ehemann gerade mal so entkommen zu sein. Auf ihrem Weg nach London begegnet Emma Ruth und bald wird ihnen klar, dass ihre Männer einer Gruppe von Verschwörern gegen den König angehören. „Unsere Ehemänner sind in Wahrheit Feinde der Krone.“ Dass Ruth zuvor von ihrem Ehemann in die Kunst des Entzifferns von Geheimschriften eingeweiht wurde und sie für ihn viele Nachrichten entschlüsselt hat, kommt ihr nun zugute. Sie unterrichtet Emma darin, beide Frauen entwickeln sich als wahre Meisterinnen der Spionage und nicht genug damit, sind sie doch einer Verschwörergruppe gegen König Charles, die nichts anderes als seinen Tod wollen, auf der Spur.
    Ja, es gab sie, diese weiblichen Spione, wenngleich es im 17. Jahrhundert eher ihren männlichen Kollegen oblag, diese gefährliche Tätigkeit auszuüben. „Unsere“ beiden Spioninnen jedenfalls beherrschen ihr Metier aufs Beste. Was ihnen zudem nützt ist die Tatsache, dass Frauen gewöhnlich jegliches Taktieren abgesprochen wird, sie eher als schmückende Begleitung ihrer Männer gelten.
    Julius Arth verpackt so geschickt wie unterhaltsam die historischen Hintergründe mit seiner fiktiven Geschichte um Emma und Ruth, in der auch der Silberschmied Guy eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, denn Emma wird in seiner Bude auf der eisigen Themse direkt ins Geschehen hineingezogen.
    Viel Historisches habe ich mitgenommen. Von den Frostmärkten, die bis ins führe 19. Jahrhundert in einigen besonders eisigen Wintern stattfanden, wusste ich bis dato nichts. Das vielschichtige Treiben auf der zugefrorenen Themse mit all ihren Verkaufsständen, ihren Spelunken, dem Ochs am Spieß und auch dem Bären zur allgemeinen Belustigung, den Pferdekutschen und den Kohleverkäufern, die den Budenbetreibern Wärme bringen und mittendrin „Die Spionin von London“, die gewitzt und gewieft ihre Informationen zusammenträgt, haben mich aufs Allerbeste unterhalten und mir zugleich neue Erkenntnisse gebracht. Sehr gerne bin ich Emma und Ruth gefolgt, habe um sie gebangt und mich mit ihnen gefreut.
    „Eine eiskalte Verschwörung im London des 17. Jahrhunderts“ war ein kurzweiliges Lesevergnügen mit Charakteren, die liebenswürdig waren, andere wiederum waren gefährlich, hinterhältig und boshaft, alle jedoch sind sie glaubhaft wiedergegeben - eine Geschichte an einem außergewöhnlichen Ort um zwei Spioninnen, denen ich gebannt gefolgt bin.
    Provenzalische Kälte

    Sophie Bonnet
    Provenzalische Kälte (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    14.10.2026

    Lesegenuss pur – vielschichtig, spannend, wendungsreich

    Dass die Provence auch jenseits der sommerlichen Idylle viel zu bieten hat, beweist Sophie Bonnets zwölftes Buch um den liebenswerten Ermittler Pierre Durant, den ehemaligen Pariser Kommissar, der sich der Liebe wegen vor geraumer Zeit nach Sainte-Valérie hat versetzen lassen.
    Die „Provenzalische Kälte“ führt Pierre nach Gréoux-les-Bains in eine Thermalklinik, deren Direktor Thomas Garcin in seiner nahen Ferienvilla tot aufgefunden wird. So einiges spricht dafür, dass Garcin Opfer einer Gewalttat wurde, auch führen Spuren direkt in die Klinik. Daneben deuten wertvolle, seit dem Auffinden der Leiche verschwundene Gegenstände, auf Raub hin, zumal diese Villengegend gerade in der Winterzeit vielfach unbewohnt ist und es verstärkt zu Einbrüchen mit gezielt gesteuerten Beutezügen kommt.
    Es ist der mittlerweile zwölfte Südfrankreich-Krimi vor diesmal winterlicher Kulisse, der in sich abgeschlossen ist, also ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Genussvoll gelesen werden kann, ja – denn auch dieses Buch hat neben der vielschichtigen, geradezu verzwickten Aufklärungsarbeit noch mehr zu bieten. Neben der bis zuletzt anhaltenden Spannung steigt einen beim Lesen der Duft der Provence direkt in die Nase. Winterliche Köstlichkeiten werden von Charlotte (aber nicht nur von ihr), der leidenschaftlichen Köchin und Pierres Lieblingsmensch, kredenzt.
    In erster Linie aber sind es die Ermittlungen, die immer mehr Ungereimtheiten zutage fördern. Pierre wird Lieutenante Jeanne Fenechs Team zugeordnet. In ihrer Art ist sie ein komplett anderer Charakter, sie ist ungeduldig, weist ihr Umfeld gern in ihre Schranken, ganz im Gegensatz zu dem überlegt agierenden Pierre, sodass zuweilen die Funken nur so sprühen - und das nicht nur zwischen den beiden. Als dann Pierres Schreibkraft Penelope sich zurückzieht, wird auch Charlotte in geheimnisvolle Vorkommnisse hineingezogen, die direkt zu Penelopes Vergangenheit führen.
    Gleich zu Anfang wirft der Prolog Fragen auf, die man erst später mit der Handlung in Zusammenhang bringen kann. Und ja, schon ab der ersten Seite fesselt diese „Provenzalische Kälte“ ungemein, die bis zum Schluss anhält. Denn erst da wird sichtbar, wie die einzelnen Handlungsstränge ineinandergreifen und letztendlich schlüssig gelöst werden.
    Neben den umfangreichen Ermittlungen sind es gelegentliche Blicke auf das Private, dessen Focus diesmal eher auf Alain, Pierres Vater, und seiner jungen Lebensgefährtin Audrey liegt. Alain kann ganz schön fordernd sein, Pierres Arbeit als „Dorfpolizist“ sieht er eher als Zeitvertreib, was so natürlich nicht stimmt. Aber – mit seiner lebensklugen Charlotte nimmt Pierre auch diese väterlichen Spitzen mal mehr, mal weniger gelassen hin.
    Der Handlung vorangestellt ist ein Plan von Sainte-Valérie mit markanten Örtlichkeiten, was ich gerade anfangs sehr schätze und neben den Anmerkungen der Autorin zum Schluss sind es das Glossar und auch einige Rezepte provenzalischer Wintergenüsse, die das Buch genussvoll abrunden. Das französische Gesundheitssystem ist Thema, hier speziell die Problematik der Thermalbäder und deren Finanzierung. Gerne bin ich zum wiederholten Male in die Provence gereist, um Pierre ein wenig über die Schulter zu schauen - Lesegenuss pur!
    Nelka

    Svenja Leiber
    Nelka (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    11.10.2026

    Zwangsarbeit in Zeiten des Nationalsozialismus

    Nach Jahrzehnten treibt es sie zurück auf den Gutshof in Norddeutschland. 1941 wurde sie als 16jährige aus dem damals polnischen Lemberg hierher verschleppt, um Zwangsarbeit zu leisten. NELKA.
    Der Roman beginnt mit dem Brief, den Marten, der damalige Gutsverwalter, heute in Händen hält. Nelka teilt ihm ihr Kommen mit. Er erinnert sich an sie und auch an die Apfelbäume, die sie für ihn veredelt hat und an noch so einiges mehr. In dieses Gegenwärtige fließen das Vergangene, also ihre Kindheit und Jugend bis zu ihrer Verschleppung, gekonnt ineinander. Bis dann der Fokus auf den Jahren der Zwangsarbeit liegt.
    Svenja Leiber erzählt hier speziell von den Frauen, die als Arbeitssklavinnen nach Nazideutschland deportiert wurden. Erzählt über brutale Gewalt und Ausbeutung bis hin zu Missbrauch und Abhängigkeiten. Und das in einer ruhigen Sprache ohne Effekthascherei. Ein Stück unserer unrühmlichen Vergangenheit wird hier klar dargeboten mit Nelka als Hauptfigur. Ihr Leidensweg und auch der ihrer Leidensgenossinnen werden unaufgeregt nachgezeichnet. Es entsteht ein bedrückendes Bild dieser Jahre in einer geradezu poetischen, ja einer eindringlichen Erzählweise, der ich gebannt gefolgt bin.
    In ihrem Nachwort greift die Autorin dieses Thema nochmal auf. 20 Millionen Menschen mussten für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit mit all den damit einhergehenden Grausamkeiten erleiden. Der Roman ist fiktiv, die Zwangsarbeiter waren es nicht. Ein Roman, eine Erzählung, die mich so schnell nicht loslässt.
    Das habe ich wegen dir getan

    John Lanchester
    Das habe ich wegen dir getan (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    09.10.2026

    Ein Albtraum

    „Das habe ich wegen dir getan“ lebt von Rache, ausgelöst durch einen Betrug. Die Londonerin Kate hat vor kurzem ihren Ehemann Jack verloren, sie waren seit dreißig Jahren verheiratet. Als Kate dann in einer Netflix-Serie sehr intime Szenen ihrer Ehe sieht, sinnt sie auf Rache. Wer will ihr Leben zerstören? Und woher weiß die junge Drehbuchautorin Phoebe, die für BETRUG (der Titel dieser Serie) verantwortlich zeichnet, all diese Details?
    John Lanchester lässt die beiden Ich-Erzählerinnen Kate und Phoebe zu Wort kommen. Dabei geht er weit zurück, als Kate und Jack ein Paar werden. Ihre Beziehung wird so nach und nach seziert. Und auch von Phoebe wird so einiges sichtbar. Kate und Phoebe sind die beiden Ich-Erzählerinnen, die uns diese „Rachekomödie“, wie sie beschrieben wird, näherbringen.
    Rache – ja, damit bin ich einverstanden. Als Komödie sehe ich dieses Drama dagegen so gar nicht. Die Protagonisten sind sehr zerstörerisch unterwegs, sie sind rachsüchtig, in ihnen steckt eine Aggressivität ungeahnten Ausmaßes. Mehrmals habe ich meine Sichtweise auf die Handlung und vor allem auf die Protagonistinnen dem gerade Gelesenen angepasst. Waren sie mir (vor allem eine davon) zunächst als eher unbedarft begegnet, musste ich meine Einschätzung dann komplett revidieren. Vor mir breitete sich ein gnadenloses Spiel aus, eine Abrechnung sondergleichen. Und nicht genug damit, werden auch Unschuldige mit hineingezogen – ohne Rücksicht auf Verluste.
    Es ist eine düstere Geschichte mit toxischen Darstellern, mit immer wieder überraschenden Wendungen. Ein bitterböser Roman mit äußerst unsympathischen Hauptakteurinnen, in dem die Männer eher als Nebendarsteller fungieren. Ein Roman, der mich betroffen zurücklässt, der mich dennoch durch die Seiten getrieben hat. Ja, es ist ein fesselnder Albtraum, durchaus unterhaltsam in Szene gesetzt.
    Zimtsterne und Pfötchenzauber

    Petra Schier
    Zimtsterne und Pfötchenzauber (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    08.10.2026

    Von Freundschaft, von Liebe und Neubeginn

    „Zimtsterne und Pfötchenzauber“ ist der nunmehr elfte Band aus Petra Schiers Weihnachtshund-Reihe - eine bezaubernde Weihnachtsgeschichte um Kira, der Affenpinscherdame, die nach dem Tod ihres Frauchens das große Glück hat, von Arian sozusagen adoptiert zu werden. Neben Kira und Adrian ist da noch Kati, die überzeugte Single-Frau, in deren Gesellschaft sich Kira – und nicht nur sie – sehr geborgen fühlt. Aber noch ist es nicht so weit…
    Petra Schier kenne und schätze ich sehr wegen ihrer historischen Romane, sie kann aber auch ganz anders, was dieser Weihnachts-Wohlfühlroman mit Santa und seinen Elfen inklusive einer großen Portion Freundschaft und Liebe beweist. Es ist zwar schon das elfte Buch ihrer Weihnachtshund-Reihe, da aber jeder Band in sich abgeschlossen ist, kann man ohne weiteres damit anfangen. Gut, Santa Claus, der Weihnachtsmann und seine Helferlein sind nun mal um die Weihnachtszeit für vieles zuständig, sie mischen sozusagen schon länger mit. Man ist aber sehr schnell mit ihnen vertraut, auch ohne sie vorher getroffen zu haben. Elfe-Sieben etwa erfüllt Weihnachtswünsche und wenn es dann mal etwas ganz Besonderes sein soll, sind die Traum-Elfen mit von der Partie. Hier sind es Elf-Dreiundvierzig und Elfe-Fünfzig, die eine sehr wichtige Rolle innehaben.
    Kira habe ich sofort ins Herz geschlossen, sie ist eine gute Beobachterin und - sie lässt mich an ihren Gedanken teilhaben. Ein gar gewitztes Hündchen ist sie, zum Knuddeln süß. Und da ist Arian, er wäre der Traummann schlechthin, meine zumindest ich. Denn Kati ist da anderer Meinung, sie hat genug mit ihrer Familie, mit ihren Eltern und auch mit ihrer Schwester zu tun, zudem ist sie nicht gerade mit Reichtümern gesegnet, sie igelt sich regelrecht ein. Kann Arian, der sie schon lange liebt, ihre harte Schale knacken?
    Zwischen Zimtsternen und einer regelrechten Backschlacht mit Freunden kommen auch Kati und Arian sich ein Stück weit näher. Dann wieder sind es traurige Momente, in denen die Traum-Elfen schon auch helfend eingreifen. Petra Schiers Weihnachtsbuch mit Hund erzählt von Familie, von Freundschaft und von Liebe. Von Neubeginn und von dem Alten, das man loslassen sollte. Zuweilen geht es ganz schön turbulent zu bei unseren Hauptakteuren und - es sind stimmungsvolle, ja romantische Momente, zuweilen mischt sich ein Tupfer oder etwas mehr Herz-Schmerz dazu und dann ist es die Liebe, denn ja – auch die schleicht sich immer mehr dazu.
    Zimtsterne (gebacken von Kati) und Pfötchenzauber (hier ist Kira gemeint – wer sonst?) vermengen sich zu einem weihnachtlichen Wohlfühlbuch, in dem auch Arian nicht fehlen darf und noch ein paar andere, allesamt haben sie mir schöne Lesestunden beschert, ja - eine gelungene, sehr lesenswerte Liebesromanze.
    Madame Mort und der tote Onkel

    Pierre Lagrange
    Madame Mort und der tote Onkel (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    08.10.2026

    Die turbulente Suche nach dem toten Onkel

    „Die Begrüßung eines neuen Bürgers ist ein offizieller Akt, Madame. Wachstum ist wichtig für den Ort“ lässt Laurent Poisson, der Ortsbürgermeister, wissen. „St. Pierre hat aktuell tausendzweihundertsechsundfünfzig Einwohner. Jetzt einen mehr.“

    Alles beginnt mit einem neuen Leben. Es eilt, die Hebamme verspätet sich und so wird Dr. Berthe Saunier, die eigentlich Rechtsmedizinerin ist, zur Geburt gerufen. Es ist ein Mädchen, alles ist gut gegangen.

    Danach aber die Schocknachricht: Aus dem Bestattungsinstitut von Valerian Comtat ist die Leiche des Onkels vom örtlichen Gemüsehändler verschwunden. Man könnte auch sagen, sie wurde gestohlen. Die Schwester des Verstorbenen ist außer sich, auch die Polizei ist informiert. Und Berthe spürt, dass da etwas ganz und gar nicht stimmt, sie will sich die Sache um diesen Diebstahl mal genauer ansehen.

    Eine gar turbulente Suche nach der Leiche und dem Grund des Verschwindens dieser beginnt. Dabei stößt Berthe auf so einige Ungereimtheiten, um nicht zu sagen, auf so manch kriminelle Handlungsweise. Gelegentlich tritt auch ihr näheres Umfeld in Erscheinung wie etwa ihr Nachbar, der sie und ihren Mann César zu nachtschlafender Zeit mit „La vie en rose“ endlos und mit schiefen Tönen auf seinem Akkordeon beglückt. Es sind aber noch so einige mehr, die hier mitmischen. Allesamt sind sie etwas verschroben, etwas eigenwillig, alle sind sie mehr - oder eben weniger - an der Aufklärung dieses seltsamen Falles interessiert.
    Berthe jedenfalls ist jetzt angefixt. Sie verstrickt sich immer mehr in diese Suche nach dem toten Onkel, eine Verfolgungsjagd von froschgrün bis hellblau könnte tragisch enden, die Spannung wird stets hochgehalten. Neben der aufregenden Mördersuche kommen wir auch in den Genuss einer aufstrebenden Rockband, den Rolling Bones. Es ist aber noch sehr viel mehr los…
    Dieser erste Band der Madame-Mort-Reihe liest sich flüssig, zwischendurch mischt auch Hugo kräftig mit, Berthes Skelett aus frühen Tagen, ihr Gesprächspartner der etwas anderen Art. Gut, diesen Hugo habe ich eher am Rande wahrgenommen, Berthes Engagement dagegen hat mir so manch Schmunzeln entlockt und – diesen Cosy Crime mit französischem Flair, schon etwas überspitzt dargeboten, habe ich genossen, er ist allemal lesenswert.
    Toter Schatten

    Leo Born
    Toter Schatten (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.09.2026

    Knallharter Thriller à la Leo Born

    Der nunmehr elfte Fall für Mara Billinsky beginnt mit einem spektakulären Gefängnisausbruch und einem Sprengsatz, der so etliche ins Jenseits befördert. Ja, Leo Born versteht es, verbrecherische Akzente zu setzen, die es in sich haben.
    Ein Szenenwechsel zeigt die junge Annabell Rempf, zu deren Leiche Mara und Rosen gerufen werden. Ist sie die Studentin, als die sie sich dem Anschein nach ausgegeben hat? Wohl kaum. Nun gut, sie stoßen auf einen mysteriösen Dienstagsmann, der lange, sehr lange im Dunkeln bleibt. Ein bei Annabell aufgemalter Schmetterling führt acht Jahre zurück zu einem Bombenanschlag in einer Bar, bei dem die damals 14jährige Solana Thalbusch getötet wurde. Bleibt die Frage, wie diese Halbwüchsige hier hineingeraten konnte.
    Es passiert noch so einiges mehr, auch die Ermittler geraten in die Schusslinie von Schwerverbrechern, die albanische Mafia scheint involviert zu sein.
    So einige Thriller um Mara Billinsky, auch die Krähe genannt, habe ich mittlerweile gelesen. Jeder Fall ist in sich abgeschlossen, man kann also getrost ab TOTER SCHATTEN beginnen, um dieser schon sehr eigenwilligen Ermittlerin zu folgen. In ihrer Art ist sie so brillant wie unerbittlich, sie verbeißt sich regelrecht in ihre Arbeit. Lässt nicht locker, bis sie am Ziel ist – sprich: sie den Fall gelöst hat. Jan Rosen, ihr Partner, ist das genaue Gegenteil von ihr. Er verbringt gerne Zeit im Innendienst, steht aber dennoch hinter ihr. Ich würd sagen, dass sie sich trotz aller Widersprüchlichkeit schon ergänzen, denn ihre Gegner scheinen keine Geringeren zu sein als Frankfurts Unterwelt.
    Es geht hart zur Sache, es wird gemordet und gefesselt und geknebelt und noch so vieles mehr – menschliche Abgründe tun sich in ihrer schlimmsten Form auf. Wer diese erbarmungslosen, stahlharten Thriller mag, wird auf seine Kosten kommen. Keine Sekunde herrscht Stillstand, selbst ein kurzes Durchatmen scheint kaum möglich zu sein. Und es gibt Tote, nicht nur zu Anfang, das Ende klärt dann auf, Mara hat ihre Ermittlungen knallhart durchgezogen.
    Auch dieser elfte Fall um Mara und Rosen fesselt ungemein, er war schnell gelesen und macht unbändige Lust auf den nächsten Fall.
    Der Tote im Kutter

    Denzil Meyrick
    Der Tote im Kutter (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    24.09.2026

    Very british

    Ein Fischer wird in dem verschlafenen Küstenort Uthley Bay erdrosselt aufgefunden und wie sich bald herausstellt, ist die Mordwaffe ausgerechnet ein schnöder Damenstrumpf. Es ist kurz vor Weihnachten, genauer gesagt der 22. Dezember des Jahres 1953, als Inspector Frank Grasby vom Polizeirevier York den Auftrag erhält, in dieses Fischerdorf zu fahren, unterstützt von seinem Vorgesetzten, von Superintendent Arthur Juggers. Auf stark verschneiten Straßen fahren sie mit ihrem Dienstwagen an den Ort des Verbrechens – es ist der zweite Fall für Grasby.
    Denzil Meyrick hat schon mit „Der Tote im Kamin“ einen wunderbaren schwarzhumorigen Kriminalfall mit Frank Grasby als ermittelnden Inspector vorgelegt, den ich vor ziemlich genau einem Jahr gelesen habe und so kam mir „Der Tote im Kutter“ gerade recht.
    „Erneut eine Geschichte voller erstklassigem Unsinn“ hat die Times über dieses zweite Buch geurteilt. Schon allein von dieser so sinnigen Aussage bin ich hin und weg und ich weiß - mich erwarten wiederum kurzweilige, sehr amüsante Lesestunden voller überraschender Wendungen, der feine britische Humor blitzt stets durch.
    Ich werde ins Jahr 1953 zurückgebeamt, auch die Erzählweise ist diesen Jahren angepasst, es ist aber keineswegs altbacken, nein. Es sind die Nachkriegsjahre, in denen man es zuweilen noch mit den Lebensmittelrationierungen zu tun hat, die telefonische Verbindung ist nicht stabil und auch Stromausfälle sind den winterlichen Witterungsverhältnissen geschuldet. Überhaupt versteht es Meyrick, seine Leser in diese Zeit mitzunehmen, was an und für sich schon für vergnügliche Lesestunden sorgt.
    Seine Figuren dann sind es, die dieser Geschichte nochmal eine extrafeine Würze verleihen. Da ist etwa dieser einfältige, von sich absolut überzeugte Juggers, der mich so dann und wann an den berühmt-berüchtigten Elefanten im Porzellanladen denken lässt und der sich gerne mal Grasbys Weitsicht bedient, um damit zu glänzen. Nicht nur diese beiden, alle Charaktere sind treffend skizziert, von liebenswert bis skurril, verschroben und verschlossen ist alles dabei, das Rundum-Paket passt einfach.
    Dieser zweite historische Kriminalroman um den liebenswerten Inspector Frank Grasby ist ein wahres Lesevergnügen, er ist Garant für kurzweilige, für spannende Unterhaltung - very british.
    Kalmann schweigt

    Joachim B. Schmidt
    Kalmann schweigt (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.09.2026

    Kalmann zum Dritten – Lesegenuss mit einem Augenzwinkern

    Nachdem ich Kalmann schon zweimal begegnet bin (Kalmann im Herbst 2020 und Kalmann und der schlafende Berg drei Jahre später), wollte ich natürlich wissen, in welch Abenteuer er sich nun wieder hineinmanövriert hat. Denn nun heißt es: Kalmann schweigt. Warum es besser ist zu schweigen, erschließt sich mir, je weiter ich lese, je mehr ich in diese Geschichte abtauche.

    Kalmann hat eine Schatzkarte gefunden, die ihn zu einer vergrabenen, alten Blechkiste führt. Er staunt nicht schlecht, als er sie öffnet und eine ganze Menge Geldscheine findet. Dazu einen alten, verrosteten Revolver und eine Flasche, die Hochprozentiges enthalten dürfte. Was tun? Kalmann denkt an seinen einzigen Freund Nói, der ihm rät, niemandem etwas davon zu erzählen. Sieben Millionen sollte sein Fund wert sein, ein ganz schönes Sümmchen, das bestimmt Begehrlichkeiten wecken dürfte. Zudem hat eine norwegische Firma ausgerechnet Raufarhöfn dazu auserkoren, ihre Lachszucht hier anzusiedeln, was bei den meisten Bewohnern so gar nicht gut ankommt.

    Kalmanns Rädchen laufen zuweilen rückwärts, er ist wie ein liebenswertes, zu groß geratenes Kind, das zwar alles mitbekommt, aber nicht alles versteht – als ob Schneegestöber in seinem Kopf herrscht, als ob seine Gedanken seinen Aktivitäten hinterherhinken würden. Und doch checkt er ganz schön viel, der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn. Zudem ist er, der in zweiundneunzig Tagen vierzig und damit offiziell nicht mehr jung sein wird, ein angenehmer Dorfbewohner, der sich um alle kümmern will, auch wenn er sich gelegentlich selbst im Wege steht.

    Mit Kalmann hat Joachim R. Schmidt eine liebenswert verpeilte Figur erschaffen. Ein wenig tollpatschig ist er schon und doch kann er es so gar nicht haben, wenn eine Sache nicht aufgeklärt wird. So spürt er den Geldscheinen nach und als ob dies nicht genug an detektivischer Arbeit wäre, geschieht hier noch so einiges mehr – und Kalmann ist mittendrin.
    Auch dieses dritte Buch um Kalmann ist – wie schon die beiden Bände zuvor – ein kurzweiliges, ein spannendes Lesevergnügen, das zuweilen zum Schmunzeln anregt. Korrektomundo.
    Wie ein Fluss in der Nacht

    Tana French
    Wie ein Fluss in der Nacht (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    23.09.2026

    Gesellschaftsdrama

    Rachel Holohan ist verschwunden. Weder ist sie telefonisch erreichbar noch wissen ihre Freunde, wo sie sein könnte. Es ist mitten in der Nacht, als sich ein Suchtrupp aufmacht, das weitläufige Gebiet, in dem sie vermutet wird, zu durchkämmen.
    „Wie ein Fluss in der Nacht“ ist das dritte Buch um den Ex-Cop Cal Hooper, den es vor dreieinhalb Jahren in das irische Dorf Ardnakelty verschlagen hat. Wer die beiden Vorgängerbände kennt, weiß um seinen Weg hierher, ich aber betrete sozusagen Neuland, „Feuerjagd“ und „Der Sucher“ habe ich nicht gelesen. Und doch bin ich bald drin, beobachte die Dorfgemeinschaft, die in zwei Lager gespalten ist. Da ist Tommy Moynihan, der Großgrundbesitzer mit ambitionierten Plänen, an dem keiner vorbeikommt. „Man pinkelt einem Tommy Moynihan nicht gegens Bein“ sagt Mart, den ich als jemanden kennenlerne, der genau weiß, was hier läuft. Auch Cals Ziehtochter Trey ist in die Suche um die Vermisste involviert, später dann mischt sie mit ihren Freunden mit, um den oder die Schuldige(n) zu finden, denn…
    …Rachel wird tot aufgefunden und schon brodelt die Gerüchteküche. Ihre Hochzeit mit Tommys Sohn Eugene stand an, kurz vor ihrem Verschwinden war sie noch bei Lena, Cals Verlobte, auch wird bekannt, dass Rachel und Eugene sich auf der Brücke am Fluss treffen wollten. Was ist in dieser Nacht geschehen? Von Suizid ist die Rede, auch von Mord. War es ein tragischer Unfall? Gar ein Eifersuchtsdrama?
    Rund um die Aufklärung von Rachels Tod entfaltet sich ein gesellschaftliches Drama, das menschliche Abgründe offenbart. Die Geschichte baut sich langsam auf, sie wirft viele Fragen auf, wird zunehmend intensiver. Gerüchte werden gestreut, Schmutzkampagnen gefahren, das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, drängt immer mehr an die Oberfläche. Es ist ein schleichender Prozess, der hier in Gang gesetzt wird, den niemand zu stoppen vermag.
    Der Roman legt die Machtstrukturen dieses irischen Dorfes offen, es geht um ein unerbittliches Gegeneinander, aber auch um den Zusammenhalt, um das Miteinander. Tana French lässt sich und ihren Lesern Zeit, die familiären und die freundschaftlichen Zusammenhänge und auch jene, die Feindschaft verbunden sind, kennenzulernen. Die Spannung baut sich dadurch eher langsam auf, die Suche nach der Todesursache schimmert zwar stets durch, jedoch ist es eher der kritische Blick hinter die Dorfkulisse, der letztendlich zielführend ist. Zuweilen ist mir die Suche nach dem/nach den Schuldigen zwischen den hartgesottenen Akteuren zu ausführlich, zu langatmig. Und doch drängt es mich weiter, bis zum bitteren Ende, das mich sehr nachdenklich zurücklässt, das die ganze Tragik dieses Dorfes und seiner Bewohner in sich trägt.
    Alles wird Asche

    Nele Neuhaus
    Alles wird Asche (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.09.2026

    So spannend wie tödlich

    Künstliche Intelligenz. Am Anfang ist der Mensch, der sie mit Infos versorgt, der sie zum Laufen bringt. KI – die immer mehr Eigenständigkeit entwickelt, wir wissen es. Nele Neuhaus zwölfter Kriminalroman aus der Bodenstein-Kirchhoff-Reihe verwebt diese neue Technik mit ihrer Geschichte um menschliche Abgründe. Um Gier und Rache. Um Empfindungen, die auch nach dem Ableben eines klugen Kopfes nicht zu stoppen sind.
    Bevor ich die ersten Seiten lese, fällt mir das über zwei Buchseiten doch umfangreiche Personenregister auf, das ich bald und immer wieder zuhilfe nehmen werde. Dann wird es gleich dramatisch, als eine Villa im Taunus in Flammen aufgeht, um wenige Wochen später auf Sylt mittendrin in einer verunglückten Geburtstagsvorbereitung zu sein.
    Oliver Bodenstein wird zu einem Hochhaus-Neubau gerufen. Ein Toter, mit einem Fuß in einer Schlinge, hängt kopfüber in schwindelerregender Höhe an einem Seil. Hat er sich selber in diese missliche, für ihn tödliche Lage, gebracht? Ist es ein tragischer Unfall? Als wenig später an anderer Stelle eine zweite, ähnlich inszenierte Leiche, gefunden wird, erhärtet sich der Verdacht, dass es sich hier um Mord handelt.
    Nach zweieinhalb Monaten Pause ist Pia Sanders Sabbatical offiziell (vorzeitig) beendet, sie und Oliver ermitteln in diesen noch ziemlich undurchsichtigen Todesfällen, deren Spuren zu dem auf dem Mount Everest verunglückten Tech-Millionär Patrick Brinkhoff führen. Es werden weitere Tote hinzukommen, nicht sofort offenbaren sich Ähnlichkeiten.
    Dazwischen ploppen Tätergedanken (in kursiver Schrift) mehrmals auf, die verraten, dass es sich hier um gezielte Tötungen aufgrund massiven Fehlverhaltens handelt, auch ist die Freude um die Entwicklung, die diese Taten mit sich bringen, für diesen Beobachter mitsamt seinem angenehmen Nervenkitzel deutlich spürbar.
    Man sollte sich auf dieses Buch schon einlassen, um die einzelnen Handlungsstränge in Gänze zu verfolgen und zu verinnerlichen. Neben Patrick Brinkhoff sind es Ehefrauen, Kinder, Geschwister, Freunde und noch einige mehr, deren Leben in bestimmten Phasen näher betrachtet und ins Geschehen involviert sind. Leben, die sich zuweilen kreuzen, die von Patricks Firmenimperium profitieren – der eine mehr, der andere weniger. Der rasant voranschreitende technische Fortschritt darf auch hier nicht fehlen, KI bestimmt schon heute Teile unseres Lebens, dem wir uns nicht mehr verschließen können. Die Autorin lässt PROMETHEUS gekonnt mit einfließen, ohne einen techniküberladenen Thriller zu präsentieren. Nicht die Maschine ist es, es ist der Mensch in seiner Gier, der in seinem Bestreben nach Macht und Besitz sich ihrer bedient, auch wenn die Nachrichten nach einer sich selbständig machender KI nicht abreißen.
    „Alles wird Asche“ ist ein in sich abgeschlossener, so spannend wie tödlicher Kriminalroman, der gelesen werden will.
    Niemals geht man so ganz

    Andreas Izquierdo
    Niemals geht man so ganz (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.09.2026

    Fesselnd, spannend, mysteriös

    „Es war fast Mitternacht, als Mads die Frau am Rand der Welt entdeckte.“ Mads ist mit Bobby, seiner Malteserhündin, noch spät unterwegs, als er sie am Ende eines langen Steges sieht und er sogleich die Gefahr wittert, die sich ihm hier präsentiert. Er spricht sie an, sie starrt eher verständnislos zurück, nennt ihn den Grenzhüter. Und dann – springt sie. Er hinterher. Aber – die Fluten haben sie verschluckt, erst am frühen Morgen finden Taucher ihre Leiche.
    Andreas Izquierdo hat mich auch mit seinem zweiten Buch um den Trauerredner Mads Madsen sofort ins Geschehen gezogen. Warum springt Anna Schmidt in den Tod, warum lässt sie ihre neunjährige Tochter Tilly ganz alleine zurück und wie lautet die Botschaft, die sie Tilly hinterlassen hat? Diese Fragen und noch so einiges mehr sind es, die Mads umtreiben - und auch mich, denn mein kriminalistisches Gen springt sofort an.
    Wie schon in Band eins „Über die Toten nur Gutes“ ist Mads umgeben von Freunden und Familie, die auch hier kräftig mitmischen wie etwa Fritdjof, sein umtriebiger Vater, der sich hier als begnadeter Musikpädagoge sieht und dies dank und mit seinen gelehrigen Schülerinnen durchzieht. Mehr noch, er strebt nach Höherem, zwangsverpflichtet auch Mads dazu… Schon allein diese Episode, die zwischendurch nach vorne drängt, macht Laune. Aber nicht genug damit, die Suche nach der Botschaft, die Anna ihrer Tilly hinterlassen hat und auch das Warum – warum Anna keinen anderen Ausweg als ihren Tod sah - stehen im Raum.
    Neben der durchdachten Story sind es die witzig-spritzigen Dialoge und auch so manch schrullige Charaktere, die mich schmunzeln lassen. Ein mysteriöses Kartenspiel gibt Rätsel auf, auch ein Schattenmann sorgt für Unbehagen und selbstredend ist auch die Hauptkommissarin Mills wieder dabei, allerdings wird sie ganz schön ausgebremst. Noch so manch Akteur versucht, das Geschehen zu beeinflussen und somit Mads detektivische Arbeit zu sabotieren. Mads aber lässt nicht locker, schon allen Tillys wegen, deren Zukunft ihm sehr am Herzen liegt.
    Schon lange schätze ich Andreas Izquierdos Bücher. Der vielseitige Autor schafft es mühelos, mich in seine Welten mitzunehmen und darin ganz tief einzutauchen. So auch hier, in seinem zweiten Buch um Mads, den Trauerredner. Die fesselnde Handlung, die vielschichtig angelegten Akteure und der feinsinnige Humor sind es, die auch dieses Buch besonders machen.
    „Ein Trauerredner ermittelt“ hier zum zweiten Mal. Ein kurzweiliges, ja amüsantes Lesevergnügen, das - ohne den ersten Band zu kennen - gelesen werden kann. Ich jedoch möchte auch das erste Buch um Mads Madsen nicht missen und hoffe, dass er mir noch des Öfteren begegnen wird.
    „Niemals geht man so ganz“ ist ein wunderbares, sehr unterhaltsames Buch, das neben dem Kriminalfall, der es in sich hat, auch viel Zwischenmenschliches bietet, untermalt mit mystischen Momenten – ein Cosy Crime vom Feinsten.
    Zwei Frauen

    Katja Maybach
    Zwei Frauen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.09.2026

    Ein selbstbestimmtes Leben. Für eine Frau Anfang des 20. Jahrhunderts nicht selbstverständlich

    Zwei Frauen, zwei ganz und gar unterschiedliche Leben. Katja Maybach erzählt von ihnen, von Hannah, die nach dem Tod ihres Vaters den heruntergewirtschafteten Hof von ihrem Bruder überschrieben bekommt. Und von Julie, die jung mit dem um einiges älteren Justitiar Carl Friedrich verheiratet wurde. Inspiriert von ihren beiden Großmüttern hat die Autorin diesen sehr lesenswerten historischen Roman Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt, beginnend im Sommer 1912 bis gegen Ende des Ersten Weltkriegs.
    Hannah ist mit ihren 22 Jahren Analphabetin. Nach Vaters Tod ist Georg, ihr Bruder, ihr Vormund. Er will eine Schusterwerkstatt übernehmen und seinen Traum, feine Damenschuhe zu fertigen, verwirklichen, also überlässt er Hannah den Hof, was notariell in der nahen Kreisstadt besiegelt werden sollte. Verschämt setzt sie drei Kreuze als ihre Unterschrift auf das Papier, was Julie, die Frau des Notars bemerkt und ihr anbietet, ihr Schreiben und Lesen beizubringen.
    Katja Maybach führt mich in ein Dorf in der Pfalz, in dem Hannah lebt, sie bewirtschaftet den Hof auf ihre ureigene Weise, als unverheiratete Frau jedoch entspricht sie so gar nicht den gesellschaftlichen Konventionen. Julie indes ist dank ihres Ehemannes materiell bestens versorgt, sie führt ein in jeglicher Hinsicht privilegiertes Leben. Das Patriarchat ist in jener Zeit die gesellschaftliche Norm, Frauen sind eher schmückendes Beiwerk, ihnen gebührt die Rolle der treusorgenden Ehefrau und Mutter.
    Vor gerade mal hundert Jahren war die gesellschaftliche Stellung der Frau eine ganz andere, es waren die Frauenrechtlerinnen, die mit ihren Forderungen für das Wahlrecht der Frauen eine Bewegung in Gang setzten, die sich nicht mehr stoppen ließ. Anhand von Hannah und Julie und deren Lebenswirklichkeit zeigt die Autorin den Alltag in Dorf und Stadt, den in ärmlichen und jenen in materiell abgesicherten Verhältnissen. Die Frau hat dem Manne zu folgen, sie hat ihm Kinder, möglichst männliche Nachkommen, zu gebären. Freie Liebe, ohne Ehering, ist geächtet, auch ein lediges Kind wird geschmäht.
    Das so eindringlich geschilderte Leben der beiden Frauen hat mich tief hineingezogen in ihre Welt. Hannah begegne ich nach dem Tod ihres Vaters, erfahre von ihrer schlimmen, sehr einengenden Kindheit und kann nur zu gut verstehen, dass sie sich keinem Manne mehr unterordnen will. Sie verkörpert das Bild einer unabhängigen, starken Frau, die sich trotz Gerede im Dorf nicht unterkriegen lässt. Und die unerfahrene, stets behütete Julie merkt, dass sie im falschen Leben feststeckt, dass sie der Kinderwunsch ihres Ehemannes ängstigt und sie immer unsicherer wird.
    Dieser Roman gibt einen guten Einblick in jene Zeit, von der Katja Maybach hier so anschaulich erzählt. Von Frauen, die sich über Konventionen hinwegsetzen, die ihren eigenen Weg gehen. Ein mitunter steiniger Weg, der es aber allemal wert ist, ihn zu gehen.
    Treibsand

    Christina Lund
    Treibsand (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    07.09.2026

    Fesselnder Auftaktband der Cathrine-Birklund-Reihe

    TREIBSAND ist der fesselnde Auftaktband zu Christina Lunds Cathrine-Birklund-Reihe.
    Catherines Einsatz in Afghanistan hat sie komplett aus der Bahn geworfen, als sie mit ansehen muss, wie die kleine Maliha einen Anschlag, dem Catherine knapp entkommen ist, nicht überlebt. Man spürt direkt Catherines Schmerz, der nicht in Worte zu fassen ist. Zurück in der Heimat dann ist es Adams Geburt, das Kind von ihr und Claus, von der ich als nächstes lese. Sie denkt dabei zurück an den tödlichen Angriff in Afghanistan, an Maliha, die nicht alt werden durfte. Selbst nach der Geburt ihres Kindes kann sie die Dämonen der Vergangenheit nicht abstreifen.
    Catherine ist Journalistin, einst gefeiert, sehr erfahren, sehr erfolgreich. Nach den traumatischen Erlebnissen greift sie zu allem, was betäubt, bevorzugt nach Alkohol. Ihr Job ist in Gefahr, auch ihr Privatleben mit Mann und Kind entgleitet ihr zusehends, da greift sie nach dem letzten Strohhalm, der sich ihr auftut: Ihre Freundin Pim, die als Privatdetektivin in Bangkok lebt, braucht ihre Hilfe als dänische Staatsangehörige, denn Clara, die Tochter des dänischen Botschafters, ist verschwunden. Die Behörden verhängen eine Nachrichtensperre, die thailändische Polizei ist eher inaktiv, die Eltern weichen auf private Hilfe aus.
    Es sind ganz und gar unterschiedliche Charaktere, die hier aufeinandertreffen. Catherine ist eine gebrochene Frau, die ohne einen gewissen Alkoholpegel nicht durch den Tag kommt. Man könnte sie komplett verurteilen. Sie ist keine Mutter, trotzdem sie ein Kind geboren hat, sie trinkt bis zum Absturz - nicht nur einmal möchte ich ihr zurufen, zumindest genügend Nahrung zu sich zu nehmen. Pim ist das genaue Gegenteil, sie ist durch und durch diszipliniert. Auch ihr Partner Yosuf, der sich nach einer schweren Verletzung als Beamter der Royal Thai Police als Privatdetektiv selbständig gemacht hat, behält stets den Überblick.
    Zunächst ist es die Suche nach Clara, bald aber kommt sehr viel mehr dazu. Der SSB, ein thailändischer Geheimdienst, scheint hier involviert zu sein. Ein Weg führt ins berüchtigte Bang Kwang Gefängnis, das „Bangkok-Hilton“. Dass Majestätsbeleidigung streng geahndet wird, ist zwar bekannt, hier aber wird so richtig bewusst, dass damit nicht zu spaßen ist. Politische Aktivisten spielen eine Rolle und auch das sehr Private, das Zwischenmenschliche schwappt nach oben.
    Christina Lund lässt in diesem ersten Band tief blicken. Ihre sehr fehlbare Hauptfigur kann man in vielerlei Hinsicht verurteilen, trotzdem bleibt sie nahbar, sofern man ihre Vita mit einbezieht. Ihre Alkoholexzesse führen in so manch zwielichtige Bar, in das dunkle Bangkok, in dem Korruption und Machtmissbrauch gedeihen, in eine Stadt, die wir als für uns so exotisches Reiseziel so nicht sehen werden.
    Mich hat dieser TREIBSAND sofort ins Geschehen gezogen, schon in Afghanistan, das das hochriskante Leben einer Investigativjournalistin auf wenigen Seiten veranschaulicht. Ihr stetiger Kampf sowohl beruflich als auch privat ist anschaulich dargestellt und dann, im eigentlichen Fall um die Vermisste Clara, war ich komplett dabei. Ein gelungener Auftakt, der unbändige Lust auf mehr macht, auf Catherine Birklunds nächsten Fall UNTERSTROM, der wiederum von Dänemark nach Thailand führt.
    Herbst in Cinnamon Falls

    Rl Killmore
    Herbst in Cinnamon Falls (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    03.09.2026

    Die herbstliche Kleinstadtidylle bekommt zunehmend Risse

    Nia Bennett kehrt nach Jahren zurück nach Cinnamon Falls. Einst hat sie ihre Heimatstadt verlassen, um nach dem Tod ihrer besten Freundin wieder Halt im Leben zu erlagen, was ihr gründlich misslungen ist, wie sich jetzt herausgestellt hat. Ihr damaliger Freund Jesse ist mittlerweile Polizist, er wollte im Gegensatz zu ihr nie woanders sein. Ihn trifft sie wieder, nachdem im Diner die Leiche von Rosie, der Besitzerin des Lokals, entdeckt wird. Maggie hat sie spät in der Nacht gefunden, als die beiden die Arbeiten für das bevorstehende Herbstfest besprechen wollten.

    „Wer ist die Nächste?“ Diese verstörende Botschaft liegt neben Rosies Leiche. Die örtliche Polizei, allen voran Chief Vernon Prescott, hat bald einen Schuldigen aufgetan, der nun hinter Schloss und Riegel sitzt. Jesse zweifelt an dem schnellen Erfolg und auch Nia will der Sache näher auf den Grund gehen. Es bilden sich bald zwei Lager – die einen sehen den Fall als abgeschlossen, die anderen dagegen wissen, dass hier mehr dahintersteckt. Die herbstliche Kleinstadtidylle bekommt zunehmend Risse.

    Die Story entwickelt sich langsam, zunächst lerne ich Nia und Jesse und auch Rosie und deren familiäre Hintergründe näher kennen. Bei Rosie bin ich in ihrem Diner, ihre Zimtschnecken möchte ich nur zu gerne kosten. Sie ist allseits beliebt, man kann sich gar nicht vorstellen, dass sie jemand so sehr hasst, um sie zu töten.
    Die Mischung aus Ermittlungen und Privatem ist RL Killmore gelungen. Ein Roman, ein Cozy Crime, der bestens unterhält. Welch dunkle Geheimnisse sich in Cinnamon Falls verbergen, ist spür-, aber lange nicht sichtbar. Die ruhigen, gut nachvollziehbaren Krimi-Elemente haben einige wenige Ausreißer - als ob der ein oder andere meint, in Rambo-Manier auftreten zu müssen. Dies finde ich dann doch zu dick aufgetragen, ansonsten aber gefällt mir dieser Herbst in Cinnamon Falls gut. Der Erzählstrang um Nia und Jesse, die dem wahren Täter auf die Spur kommen wollen, sich auch privat wieder näher kommen, ist perfekt in die gesamte Story integriert, ohne zu sehr hervorzustechen. Genau so die Nebenfiguren, allesamt sind sie gut gezeichnet, man wähnt sich direkt mitten unter ihnen.
    Zwischenmenschliches, Missverständnisse, vorschnelle Verurteilungen und Beziehungsgeflechte sind es, die neben so mach unfähigem Polizisten und korrupten Größen diesen „Herbst in Cinnamon Falls“ ausmachen. Ein unterhaltsamer Cozy Crime, der Lust auf mehr macht. Es sollte einen nächsten Teil geben, ich freu mich drauf.
    Der Briefladen, in dem ich dich fand

    Baek Seungyeon
    Der Briefladen, in dem ich dich fand (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    31.08.2026

    Abtauchen in die Welt der Briefe

    Briefeschreiben – wer macht das heute noch? Baek Seungyeon hat mich mit ihrem Buch „Der Briefladen, in dem ich dich fand“ direkt dazu animiert, es ihren Charakteren gleichzutun. Es ist der zweite Band um einen Briefladen in Seoul, das erste Buch allerdings habe ich nicht gelesen, hatte aber keine Schwierigkeiten, direkt in diese Welt der Briefe abzutauchen.
    Schon der erste Eindruck nimmt mich für dieses Buch ein. Neben dem Buchblock mit Rough Cut sind es die wichtigsten Personen der Handlung, die inform von Charakterkarten der Handlung vorangestellt sind und auch weitere Personen haben sich in einem sehr ansprechenden Bücherstapel verewigt.
    Hyoyeong arbeitet seit vier Jahren in einem Briefladen, in dem es rund ums Schreiben alles gibt. Auch Kalender und vieles mehr sind hier zu finden, die Bleistifte werden denen, die ihren Penpal-Service in Anspruch nehmen, in ausreichender Länge und gut gespitzt zur Verfügung gestellt. Ihr Service bietet etwa an, einen Brief an Unbekannt zu schreiben, man kann aber auch jemand ganz bestimmten mit seinen Zeilen erfreuen. Was mir sofort gefallen hat, sind Januarworte an mein Juni-Ich oder auch ein Herbstgruß zu Weihnachten. Es ist schon spannend, Monate oder ein halbes Jahr später seinen Ideen, seinen Vorsätze und/oder seinen Sehnsüchten nachzuspüren. Was bleibt davon übrig, was war erst gemeint oder was waren eher flüchtige Gedanken?
    Hyoyeong hat sich vor längerer Zeit von Yeonggwang getrennt, ist ihm aber noch freundschaftlich verbunden. Donggyu kommt ins Spiel, auch Yeonggwang wird mit einer anderen gesehen – wie das wohl ausgehen mag? Auch Hyoyeongs Chef Seonho durchläuft gerade schwierige Zeiten in seiner Ehe – ob da wohl ein Brief Ordnung ins Gefühlchaos bringen kann?
    Dieses Buch zu lesen war für mich wie in eine Welt voller Poesie abzutauchen. Die ruhige Erzählweise fühlt sich an, als ob alles gemächlicher voranschreitet und doch nie langatmig wird. Es sind die Briefe, die von verschiedenen Personen geschrieben werden, die das Leben in allen Facetten wiedergeben, nicht nur die Liebe ist dabei Thema. Die aber auch, Hyoyeong, Yeonggwang und Donggyu und deren Gefühle sind es, denen wir folgen und die dem Ende zu dann doch entwirrt werden. Ein wenig zu schnell, ein wenig zu glatt, wie ich finde.
    Diesen Roman zu lesen ist wie eine kleine Auszeit, wie kleine Fluchten inmitten der Hektik des Alltags. Es sind die Worte, die wir wählen, die Sätze, denen wir eine bestimmte Bedeutung beimessen, die für andere und auch für einen selbst sehr bereichernd sein können. Genießen wir diese Mußestunden, die uns dieser Briefladen mitsamt seinen Briefen schenkt.
    Der Fall Magritte

    Toni Coppers
    Der Fall Magritte (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    31.08.2026

    Morde, Kunst und ein Ermittler am Tiefpunkt

    „Ceci n‘est pas un suicide“ (Das ist kein Selbstmord). Diese Botschaft liegt neben den Leichen. Drei Menschen sind es, die dem Anschein nach nichts miteinander zu tun haben, deren Tod schon allein dieser Worte wegen eine noch nicht sichtbare Verbindung aufweist.
    Alex Berger, der Ex-Commissaris der Brüsseler Mordkommission, wird zur Aufklärung dieser Morde hinzugezogen, dem er eher widerwillig zustimmt. John Novak, den er einst ins Gefängnis brachte, ist kurz vor seiner Entlassung ausgebrochen, alle Indizien sprechen dafür, dass er mit diesen Toten zu tun hat. Berger kennt Novak wie kein zweiter, zudem war er als Ermittler brillant, hat aber seinen Dienst quittiert, als ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als seine Frau Camille bei einem Terroranschlag ums Leben kam, er Novak verhört hat.
    Der Auftaktband zu Tom Coppers neue Reihe „Alex Berger ermittelt“ macht neugierig auf den Folgeband. Die Erzählung wechselt vom Heute ins Gestern, von Bergers Unrast, den Tod seiner Camille zu verstehen. Die Szenen wechseln, ich bin hautnah bei der ersten Toten, die unter Wasser gedrückt wird. Die ehemaligen Kollegen bilden mit ihm ein Team, ich erfahre etwas mehr von ihnen und ihrem Miteinander. Nicht jeder ist begeistert von Bergers Rückkehr, wenngleich diese nur so lange währt, wie es die Klärung der Mordfälle erfordert.
    Die Trauer um Camille nimmt sehr viel Raum ein, ich erlebe einen gebrochenen Mann, seine Ermittlungen führen unter anderem in die Welt der Kunst. „Die Liebenden“ von René Magritte erinnern in ihrer Darstellungsweise an diese Mordfälle, um nur dieses eine berühmte surreale Bild zu nennen.
    Es ist ein sehr atmosphärischer Roman, der mehr ist als ein Krimi. Alex Berger steckt tief in seiner Trauer, die ihn nicht loslässt. Er sucht seine eigene Schuld am tragischen Tod seiner Ehefrau, er ist ein Getriebener, der Trost im Alkohol findet. Er ist ein spannender, sehr eigenwilliger Hauptcharakter, dem ich zwar menschlich nicht näher gekommen bin, dem ich aber dennoch wieder begegnen möchte.
    Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus.

    Nova Winter
    Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus. (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    31.08.2026

    Spannend, fesselnd, undurchschaubar bis zum bitteren Ende

    Smilla joggt, sie kämpft sich durch den schmalen Waldweg, kommt zu einem See - es ist schön hier, im Schwarzwald, denkt sie. Mit Jonas ist sie vor kurzem hierhergezogen. Ihr Blick geht zum Ufer und darüber hinaus, als sie im See eine kleine Gestalt sieht. Sie springt ins Wasser, zieht einen kleinen Jungen heraus, der sich zunächst wehrt, sich dann aber an sie klammert. Seine Stimme erweckt eine sonderbare Vertrautheit in ihr, sie fühlt sich ihm tief verbunden. Mehr noch, sie spürt, dass dieses Kind ihr Sohn ist. Aber wie kann das sein? Sie hat keine Kinder.
    Schon die ersten Worte hinterlassen in mir ein Gefühl der Ratlosigkeit. Ich will unbedingt wissen, was da los ist, wieso Smilla zu diesem Kind diese innige Vertrautheit spürt.
    „Was machen Sie da? Gehen Sie sofort von meinem Sohn weg!“ Die Mutter des Kindes stellt sich ihr sehr bestimmt in den Weg, Smillas Erklärung interessiert sie nicht. Bald stellt sich heraus, dass der kleine Moritz mit seinen Eltern Lou und Quentin in direkter Nachbarschaft wohnt. Die Mutter bleibt abweisend, distanziert, kühl, wohingehend der Vater Smilla und Jonas auf sehr nette Art begegnet, sie auch zum Essen einlädt – man lernt sich näher kennen.
    „Die Nachbarin…“ habe ich mir von Anne Düe vorlesen lassen, was eine sehr gute Entscheidung war. Jedem einzelnen Charakter gibt sie seine individuelle Note, sodass man beim Hören keinerlei Probleme hat, sie zu unterscheiden. Man spürt deren Ängste und deren Ratlosigkeit ob der geradezu absurden Situationen genau so wie die verstärkt aufkeimenden Feindseligkeiten. Die durchgehend spannende Story ist geprägt von Zweifel, von Angst und Ungewissheit.
    Je mehr ich eintauche in diese Geschichte um die beiden Nachbarsfamilien Smilla/Jonas und Lou/Quentin/Moritz, desto verworrener sind meine Gedanken. Meine Verbundenheit mit den Charakteren wechselt, nicht jeder bleibt mir sympathisch. Mehr noch – so manchem möchte ich nicht begegnen. Die Vergangenheit scheint mit hinzuspielen, auch ist von einem schon länger verschwundenen Kind die Rede.
    Bis hin zur doch sehr bitteren Auflösung war ich trotz vieler Infos ziemlich ratlos und als ich dann um die Zusammenhänge wusste, war mir die Handlungsweise einer bestimmten Person durchaus klar, wenngleich ich nichts davon gutheiße. Und doch ist die Handlung in sich stimmig, der Thriller von Anfang bis Ende gut und sehr spannend erzählt. „Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus.“ Ein Thriller, der mich in Atem gehalten, der mich komplett für sich eingenommen hat.
    Hinaus in den Wind

    Trude Teige
    Hinaus in den Wind (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    31.08.2026

    Das Festhalten von Traditionen

    Nachdem ich vor einigen Monaten Trude Teiges ersten, in Norwegen bereits 2002 erschienenen Roman „Der Gesang der See“ gelesen habe, wollte ich die Fortsetzung um die Schifferin Kristiane nicht verpassen. „Hinaus in den Wind“ knüpft an das erste Buch an, kann aber schon auch - ohne den „…Gesang der See“ zu kennen - gelesen werden. Empfehlen würde ich aber dennoch, beide Bücher zu lesen. Band eins erzählt von der Schifferstocher Kristiane und ihrem Kampf um den Erhalt des familieneigenen Lotsenpatents, das nur an die männliche Nachkommenschaft vererbt werden kann.
    Kristiane ist eine starke Frau, die gerne gegen den Strom schwimmt. Ihr Vater hat sie einst gelehrt, wie man anhand der Landmarken navigiert, sie hat ihn bei den Lotsenfahrten begleitet, ihre tiefe Verbundenheit zur Schifffahrt hat sie schon in ganz jungen Jahren gespürt. Von ihrem Sohn Anders erwartet sie nicht mehr, als dass auch er seine Pflicht als Lotse erfüllt. Er aber hat sich der Musik verschrieben, als Schiffslotse wäre er kreuzunglücklich, was seine Mutter allerdings nicht verstehen kann. Anders jüngere Schwester Konstanze dagegen hegt durchaus Ambitionen für das Fischen und die Seefahrt. Aber – sie darf als Frau nicht als Lotse arbeiten.
    Trude Teiges Bücher kenne und schätze ich sehr, auch dieses nun in deutscher Sprache erschienene, wieder von Günther Frauenlob aus dem Norwegischen übersetzte Buch, das tief in die Familientradition im 19. Jahrhundert eintaucht, möchte ich nicht missen. Es ist die Zeit der traditionellen Geschlechterrollen und obwohl Kristiane schon immer dagegen aufbegehrt und sich in der männerdominierenden Gesellschaft behaupten konnte, so waren auch ihr Grenzen aufgezeigt.
    Als Kristiane eines Tages in der Bucht der Mulevika eine für ihre Familie tragische Entdeckung macht, ist nichts mehr wie zuvor. Zudem versucht sie, Anders in diese für ihn ungeliebte Rolle des Lotsen zu zwingen. Um diese beiden Handlungsstränge entspinnt die Autorin ihre Geschichte um das Festhalten von Traditionen, die von Generation zu Generation vererbt wurden, der tiefe Einblick dann in Familienstrukturen mitsamt dem vorherrschenden Patriarchat macht betroffen. Die einen fügen sich in ihr Schicksal, andere weisen jegliche Schuld von sich, eigene Wünsche werden ganz und gar hintangestellt oder einfach weggewischt. Schuld und Schuldgefühle, Pflicht und die Erfüllung dessen sind es, die viel Leid hervorrufen.
    Trude Teige zeichnet mit Kristiane eine starke Frauenfigur, die – trotzdem sie als Frau nicht viel gilt – sich nicht unterkriegen lässt und zuweilen hartnäckig ihre Ziele verfolgt. Ihren ersten Ehemann Anders, den Vater ihrer Kinder, hat sie an die See verloren, mit Lars ist sie in zweiter Ehe verheiratet und dank ihm bleibt das Lotsenpatent in der Familie. Alle Charaktere, auch die Familie ihrer Schwester, die hier eine tragende, eine tragische Rolle spielt, sind in ihrer Handlungsweise glaubwürdig, ihre Heimatverbundenheit an Norwegens Küste deutlich spürbar. Teiges Schreibstil ist wie ein Hineintauchen in längst vergangene Welten, die man trotz aller Tragik der Geschichten, die sie hier erzählt, nicht gerne verlassen will.
    Aschermittwoch

    Beate Winter
    Aschermittwoch (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    28.08.2026

    Ein verzwickter zweiter Fall für Kilian Frommelt und sein Team

    „Aschermittwoch“ ist der zweite Fall für Kriminalhauptkommissar Kilian Frommelt. Nachdem ich ihn in seinem ersten Fall „Blauäugig“ gefolgt bin, wollte ich dringend wissen, wie es mit ihm als Kommissar und auch als Privatperson weitergeht.
    Es ist Fasching, Frommelt wird zu einer Toten gerufen. Eine zierliche, junge, blonde Frau liegt erstochen in einem weißen Kleid vor ihm. Fünf Stunden sollte sie laut Gerichtsmedizin tot sein, aber – hat er nicht vor gerade mal einer Stunde genau diese Person quicklebendig vor seiner Tür gesehen? Als Marylin verkleidet, mit einem großen, roten Fleck im vorderen Bereich?
    Wie sich herausstellt, ist die Tote Romy Seifert. Um den Hals trägt sie eine Kette mit Doppelaxt-Anhänger, die allerdings nicht verschlossen ist. Wurde sie ihr nachträglich umgelegt? Was bedeutet dieses Symbol? Und was bedeuten die Blumen, die Frommelt wenig später vor seiner Tür vorfindet?
    Frommelt ermittelt mit seinem Team, dem ich schon in „Blauäugig“ begegnet bin. Staatsanwältin Grevenbach ist neu, jedoch hat er zu ihr nicht den besten Draht. Dafür passt das kollegiale Verhältnis untereinander nach wie vor, ihr zuweilen flapsiger Ton lockert die verzwickten Ermittlungen auf. Was auch bitter nötig ist, denn sie kommen nicht recht voran. Mehr noch, ein zweiter Mord geschieht, Grevenbach funkt immer wieder dazwischen, ist mit der Inhaftierung Verdächtiger schnell dabei, was nicht nur Frommelt gegen den Strich geht.
    Neben den schwierigen Ermittlungen haben auch Polizisten ein Privatleben, was hier gut durchkommt. Mal mehr, dann eher marginal – so wie es eben ist, das Leben. Nicht immer kann man Privates außen vorhalten. Seine – und nicht nur seine - privaten Belange dominieren diesen Fall dann doch etwas zu sehr, wobei alles zusammengenommen schon unterhaltsam und durchaus kurzweilig zu lesen ist.
    Nun gut, Frommelts Team und ihr kriminalistisches Gespür bringen sie nach so etlichem hin und her und ziemlich nervenaufreibenden Tagen auf die richtige Spur. Die beiden Todesfälle sind gelöst, die Täterperson dingfest gemacht, das Team hat sich eine Auszeit verdient, bevor es mit Kilian Frommelt weitergeht - es sind in dieser Reihe mittlerweile vier Bücher erschienen. Spannende Lesestunden garantiert.
    Du kriegst mich nicht

    Chris Carter
    Du kriegst mich nicht (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    26.08.2026

    Spannend, packend, mitreißend

    Beinahe wäre er ein freier Mann gewesen. Beinahe! Wenn nicht noch kurz vor Urteilsverkündung diese Frau aufgetaucht wäre! Nelson Stewart wird zu dreizehn Jahren Haft verurteilt. Wie es dazu kommt? Ich bin im Gerichtssaal dabei und finde dieses Urteil angesichts dessen, was er seiner Ehefrau angetan hat, nur gerecht. Noch im Gerichtssaal lässt er sie wissen, dass er auf Rache sinnt. Samantha ändert ihren Namen, sie taucht unter, nennt sich ab sofort Mary Smith.
    Ein neues Buch von Chris Carter – muss ich lesen. Unbedingt. Was ich da innerhalb von zwei Tagen lese, ist raffiniert, manipulativ und hochgefährlich. Für alle, wie es scheint. Und doch ist nichts so, wie es sich mir darstellt, die Bilder, die sich mir darbieten, kippen zuweilen ins Gegenteil, um dann doch wieder zu verschwinden und eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Immer mittendrin ist Mary, wie sie sich seit Nelsons Verurteilung nennt.
    Spannend, packend, mitreißend. Chris Carter überzeugt auch mit diesem Buch auf ganzer Linie, er hat mich sofort gekriegt. Beste Thriller-Unterhaltung.
    Happy Weekend - Die perfekte Auszeit. Euer schlimmster Albtraum.

    Arno Strobel
    Happy Weekend - Die perfekte Auszeit. Euer schlimmster Albtraum. (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    26.08.2026

    Rasanter Thriller, der anfangs schwächelt, bald aber zur Hochform aufläuft

    „Happy Weekend“ klingt so harmlos, so nach einer kleinen, feinen Auszeit. Katja und Marcel freuen sich auf ihr Wochenende. An einer Raststätte holen sie sich Kaffee und ne Kleinigkeit zu essen, die Weiterfahrt entwickelt jedoch zu einem nie geahnten Albtraum.
    Nur kurz haben sie das Auto verlassen und dann – ist der Kofferraum offen, der Koffer weg, was nicht mal das Schlimmste wäre, denn Marcel will Katja mit etwas ganz Besonderem überraschen, das er sorgsam im Koffer versteckt hat. Soll die Polizei verständigt werden? Es ist schon spät, sie werden nicht viel tun können, also entschließen sie sich, weiterzufahren, zumal ein GPS-Tracker im Koffer liegt. Sie aktivieren die App, folgen dem blauen Punkt, ihre Odyssee beginnt…
    Der Prolog verspricht nichts Gutes, mehr noch – es passiert Schreckliches! Wie jedoch dies mit Marcel und Katja zu tun hat, kann ich mir zwar ansatzweise denken, mag es aber dennoch noch nicht glauben. Zwischen ihrer Irrfahrt auf der Suche nach dem blauen Punkt hat der Mechaniker, wie er sich nennt, seine kursiven Auftritte. Diese Passagen sind grausam und dennoch fesseln sie mich ungemein.
    Ganz anders unsere beiden Kofferlosen. Ziemlich bald ist da nämlich eine Kleinigkeit, die im Koffer liegt, die für mich total unlogisch ist, die sich durch diese Fahrt ins Ungewisse zieht. Da ist dem Autor wohl ein krasser Logikfehler passiert, denn ich hatte sofort die Vermutung, wer denn hinter diesem Kofferklau und den Folgen danach stecken könnte. Überhaupt finde ich den Anfang – mal abgesehen von den kursiv dargestellten Sequenzen – sehr durchschaubar. Wie kann man sich so unbedarft verhalten, obwohl man weiß oder es zumindest der Umstände wegen ahnt, dass man es mit gefährlichen Gestalten zu tun haben wird. Näher möchte ich darauf nicht eingehen, aber wer dieses Weekend mit den Protagonisten durchlebt, wird wissen oder zumindest ahnen, was bzw. wen ich meine.
    Nun gut, es wird besser. Und das auf ganzer Linie. Die Story zieht dermaßen an, da bleibt zum Luft holen kaum Zeit, die Grausamkeiten nehmen zu. Zudem kommt Marcels Vergangenheit zum Vorschein, lediglich Katja scheint ganz und gar integer zu sein. Jetzt hat er mich, der Strobel. Und zwar voll und ganz. Selbst meinen Anfangsverdacht, der gelegentlich aufblitzt, schiebe ich beiseite. Sowohl der Mechaniker als auch die Jagd auf die Weekender und alles, was dann wie eine Kettenreaktion geschieht, ohne jegliches Erbarmen, rauben mir den Atem. Es ist der Hass, der in diesem fürchterlich grauenhaften Stück Regie führt. Bis zum bitteren Ende.
    Und – mein anfängliches Gespür hat mich nicht getäuscht. Wäre dieser holprige, sehr durchschaubare Anfang nicht gewesen, wären es glatte fünf Sterne gewesen, so aber muss ich einen davon abziehen. Bleiben immer noch gute vier Sterne für diesen anfangs schwächelnden, bald aber rasanten Thriller.
    Most Hated Girl

    Kirsty Lockwood
    Most Hated Girl (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    24.08.2026

    Gefährliche Freundschaft

    Odette Adin macht immer dann, wenn sie von Jobcenter mit dem Bus zurückfährt, Zwischenstation im Museum, das an jedem zweiten Donnerstag im Monat freien Eintritt gewährt. An so einem Tag lernt sie Amos kennen, der weit über achtzig ist. Sie treffen sich hier öfter, freunden sich an und wie es so ist, erzählen sie sich so einiges. Odette ist neunzehn Jahre alt, sie ist auf der Suche nach einem Job, sie ist knapp bei Kasse, außerdem wird sie bald ohne Unterkunft sein. Amos wohnt in einem großen Haus, er ist geschieden, zu seinen Kindern ist der Kontakt schon lange abgebrochen. Also bietet er ihr an, bei ihm zu wohnen, was sie zunächst erstaunt, dann aber gerne sein Angebot annimmt.
    Die kurzen Kapitel wechseln sich ab im Jetzt und im Zuvor. Wir erfahren von Odettes Mum Sylvia, von ihrem früheren Leben und von Toni, der Frau im Jobcenter, die Odette als ihre Freundin bezeichnet. Und wir lernen die beiden Protagonisten Odette und Amos näher kennen, wobei sie zunächst eine sehr harmonische Wohngemeinschaft bilden, dies sich jedoch schleichend ändert. Die Idee, Videos hochzuladen, ist bald mehr als ein netter Zeitvertreib, sie sind richtig erfolgreich damit.
    Dass Odette des Mordes an Amos angeklagt wird, wissen wir aus der Buchbeschreibung, wie es allerdings dazu kommt, ist nicht nachvollziehbar. Das Video, das viral geht, legt den Schluss nahe, dass sie ihn ermordet hat. Aber stimmt das? Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass wir ein Bild vor Augen haben, ja bewegte Bilder sehen, die zwei Menschen in eindeutiger Pose zeigen und wir sofort urteilen.
    Zuvor bin ganz nahe an den beiden, ihre charakterlichen Eigenschaften treten immer stärker zutage. Je mehr ich von ihnen weiß, desto mehr ändert sich meine Sichtweise auf sie.
    Wir wissen alle um den Einfluss von Social Media – hier wird ge- und verurteilt, ohne die Menschen dahinter zu kennen, ohne die Zusammenhänge zu wissen. Das Buch ist aber noch so viel mehr. Wie weit ist ein Mensch bereit zu gehen, um Kontrolle über andere zu erlangen?
    MOST HATED GIRL ist ein Roman, der sich als Drama entpuppt. Manipulation, Unterdrückung und Abhängigkeit bis hin zu Isolation und psychischer Gewalt sind Themen. Ein Buch, das eher gemächlich und vorhersehbar beginnt, das einen aber dann den Atem stocken lässt, je mehr man einen Menschen durchschaut.
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