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    Magnolia

    Aktiv seit: 05. November 2023
    "Hilfreich"-Bewertungen: 20

    Bitte beachten Sie

    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    365 Rezensionen

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    Most Hated Girl

    Kirsty Lockwood
    Most Hated Girl (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    24.08.2026

    Gefährliche Freundschaft

    Odette Adin macht immer dann, wenn sie von Jobcenter mit dem Bus zurückfährt, Zwischenstation im Museum, das an jedem zweiten Donnerstag im Monat freien Eintritt gewährt. An so einem Tag lernt sie Amos kennen, der weit über achtzig ist. Sie treffen sich hier öfter, freunden sich an und wie es so ist, erzählen sie sich so einiges. Odette ist neunzehn Jahre alt, sie ist auf der Suche nach einem Job, sie ist knapp bei Kasse, außerdem wird sie bald ohne Unterkunft sein. Amos wohnt in einem großen Haus, er ist geschieden, zu seinen Kindern ist der Kontakt schon lange abgebrochen. Also bietet er ihr an, bei ihm zu wohnen, was sie zunächst erstaunt, dann aber gerne sein Angebot annimmt.
    Die kurzen Kapitel wechseln sich ab im Jetzt und im Zuvor. Wir erfahren von Odettes Mum Sylvia, von ihrem früheren Leben und von Toni, der Frau im Jobcenter, die Odette als ihre Freundin bezeichnet. Und wir lernen die beiden Protagonisten Odette und Amos näher kennen, wobei sie zunächst eine sehr harmonische Wohngemeinschaft bilden, dies sich jedoch schleichend ändert. Die Idee, Videos hochzuladen, ist bald mehr als ein netter Zeitvertreib, sie sind richtig erfolgreich damit.
    Dass Odette des Mordes an Amos angeklagt wird, wissen wir aus der Buchbeschreibung, wie es allerdings dazu kommt, ist nicht nachvollziehbar. Das Video, das viral geht, legt den Schluss nahe, dass sie ihn ermordet hat. Aber stimmt das? Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass wir ein Bild vor Augen haben, ja bewegte Bilder sehen, die zwei Menschen in eindeutiger Pose zeigen und wir sofort urteilen.
    Zuvor bin ganz nahe an den beiden, ihre charakterlichen Eigenschaften treten immer stärker zutage. Je mehr ich von ihnen weiß, desto mehr ändert sich meine Sichtweise auf sie.
    Wir wissen alle um den Einfluss von Social Media – hier wird ge- und verurteilt, ohne die Menschen dahinter zu kennen, ohne die Zusammenhänge zu wissen. Das Buch ist aber noch so viel mehr. Wie weit ist ein Mensch bereit zu gehen, um Kontrolle über andere zu erlangen?
    MOST HATED GIRL ist ein Roman, der sich als Drama entpuppt. Manipulation, Unterdrückung und Abhängigkeit bis hin zu Isolation und psychischer Gewalt sind Themen. Ein Buch, das eher gemächlich und vorhersehbar beginnt, das einen aber dann den Atem stocken lässt, je mehr man einen Menschen durchschaut.
    Das Krähenzimmer

    Carolin Frey
    Das Krähenzimmer (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    24.08.2026

    Beklemmend, bedrohlich, düster

    Tief in der Nacht kommt Lotta in der Villa Sturmmöwe an, nachdem sie aus ihrem alten Leben regelrecht geflüchtet ist. Dieses Reetdachhaus in den Dünen war einst ihr Kindheitsparadies, paradiesische Verhältnisse jedoch findet sie hier nicht mehr. In diesem Haus lauert Gefahr, sie spürt es direkt. Mehr noch - sie hat das Gefühl, hier nicht alleine zu sein.
    „Wenn er diese Tür öffnet, wenn er hier nachsieht, dann bin ich geliefert denkt sie voller Angst, doch seine Schritte verhallen…“
    „Das Krähenzimmer“ habe ich als ungekürztes Hörbuch über 11 Stunden gehört, gesprochen von Anne Düe, die Lotta ihre Stimme verleiht und Tim Gössler, der den Unbekannten spricht, der sie ständig zu beobachten scheint und sich an Regeln hält, die einen erschauern lassen. Lottas Angst ist deutlich spürbar, man möchte sich am liebsten mit ihr verkriechen. Ganz anders dieser Beobachter, der unsichtbar, aber dennoch wahrnehmbar ist, der sich stets in Lottas Nähe aufzuhalten scheint. Schon seine Stimme lässt einen das Blut in den Adern gefrieren, seine auf Lotta zugeschnittenen Regeln verstärken diesen Eindruck. Beide Sprecher vermitteln eine ihrer Rolle entsprechend düstere, unheilbringende Atmosphäre.
    Was hat sie getan? Warum hat es jemand auf sie abgesehen? Und warum gibt ihr niemand Auskunft über diese Tagebucheinträge, die sie findet und den Schluss nahelegen, dass hier eine junge Frau verschwunden ist, ja getötet wurde. Viele Fragen, auf die sie keine Antwort erhält. Überhaupt treten die Personen, denen sie hier begegnet, ihr gegenüber distanziert auf, andere dagegen geben sich sehr nahbar, sind benehmen sich aber dennoch sonderbar.
    Einst war dieser Ort ihr Paradies, nun ist er ihre persönliche Hölle. Ein Psychothriller, der ab sofort dieses unterschwellig Bedrohliche vermittelt und diese beklemmende Stimmung auch dank der hervorragenden Hörbuchsprecher bis zum Schluss beibehält.
    Düster

    Ivar Leon Menger
    Düster (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.08.2026

    Düster, „Stahl“-hart, genial

    Nach FINSTER wird es bei dem pensionierten Kommissar Stahl DÜSTER. Beide Bücher sind in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt, für den neuen Fall verschlägt es Stahl mitsamt seiner Lebensgefährtin auf die fiktive Nordseeinsel Liekenoog.
    Eigentlich sträubt sich alles in Hans J. Stahl, in Urlaub zu fahren. Seine Geli dagegen drängt ihn bis dato vergeblich, ein paar Tage auszuspannen. Umso überraschter ist sie, als er ihr mitteilt, dass sie auf Liekenoog im Grandhotel absteigen werden. Was sie nicht weiß, ist, dass ihn die Hoteldirektorin Jensen eindringlich bittet, einem Vermisstenfall nachzugehen, denn dem jungen, unerfahrenen Inselkommissar Böhm traut sie nichts zu. Stahl und Jensen kommen überein, ihren Aufenthalt als Urlaub zu tarnen. Na, hoffentlich erfährt Geli nie, dass sie schmählich hintergangen wurde.
    Schon auf der Fahrt mit der Bahn lernen die beiden „Urlauber“ den Chocolatier August Dampf kennen, der ebenfalls im Grandhotel wohnen wird. Verwicklungen sind vorprogrammiert, auch mit dem Romanautor Robert Wagner, der in besagtem Hotel mehrere Lesungen haben wird und selbstredend ist Geli Fan von ihm, er kann sich seinen weiblichen Bewunderinnen, meist jedoch zu seinem Kummer ältere Semester, kaum erwehren. Als er dann der jungen, bildhübschen Elise ihr Buch signiert, schreibt er noch etwas mehr dazu.
    Stahl und Böhm ermitteln, als eine unbekleidete weibliche Leiche direkt unter dem Leuchtturm entdeckt wird. Ein Fall von Suizid? Wie der Inseldoktor meint. Ein Unfall? Oder doch Mord? Und ja, sie wurde ermordet.
    Dazwischen lese ich vom Knochenmann und dem kleinen Jungen, den er gefangen hält. Was mit ihm weiterhin passiert, erfahre ich etappenweise und auch, als seine Identität gelüftet wird, bin ich nicht recht viel klüger als zuvor.
    Ivar Leon Menger versteht es, die Spannung permanent hochzuhalten, trotzdem er seine Leser so einiges wissen lässt, was wiederum anderen, hier agierenden Personen, verborgen bleibt. Es passiert noch so einiges mehr, auch bleibt es nicht bei dieser einen Toten.
    Das Buch liest sich flott weg, zum einen wegen des einnehmenden Schreibstils und dann ist die Story so dicht erzählt, dass man einfach dabeibleiben muss. Die kurzen Kapitel bieten so etliche nicht vorhersehbare Wendungen, angereichert durch tagesaktuelle Nachrichten jener Zeit, Dirty Dancing begeistert im Kino, Miami Vice im Fernsehen, dazu Patrick Süßkinds Parfum und nicht nur einmal beteuert Roy Black Du bist nicht allein - was immer uns der Autor damit auch sagen will. All dieses wie zufällig Dazwischengeschobene macht klar, dass wir in den 1980er Jahren sind. Der Täterperson kommen wir immer näher, als Leser weiß man darum, man wird schier verrückt ob der Naivität so manch Insulaner. Aber nicht genug damit, der Autor präsentiert eine nicht vorhersehbare Überraschung – es bleibt spannend bis zum Schluss. Ein Serienkiller – oder? Mit Gänsehautfaktor – garantiert! Ein Thriller, der gelesen werden will – unbedingt!
    Zeiten des Umbruchs

    Carmen Bellmonte
    Zeiten des Umbruchs (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.08.2026

    Der perfekte Abschluss der Neuguinea-Saga

    Nun heißt es Abschied nehmen von der Familie Berger, die einst einen Neuanfang fernab ihrer Heimat wagten. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, seit sie Karlsruhe verlassen haben - ein fürchterlicher Brand hat ihnen alles genommen. Zunächst waren sie in Finschhafen und nun sind sie seit mittlerweile dreizehn Jahren hier, in Friedrich-Wilhelmshafen in Neuguinea.
    Vater Gustav führt nach wie vor die Schreinerei, zusammen mit seiner Tochter Hedwig, die daneben eine Schule für die Einheimischen plant und auch schon die ersten Schüler unterrichtet. Ihre Tochter Marie lernt, mit der Nähmaschine umzugehen, ihr Traum ist der einer Schneiderin. Hedwigs Schwester Anna ist ins Kopra-Geschäft eingestiegen, das sie mittlerweile mit Raba, ihrem Kâte-Mann, führt und das ihnen ein gutes Auskommen sichert. Clara, die dritte Schwester, führt die Krankenstation. Als eines Tages ein Pflanzer mit schweren Verletzungen zu ihr kommt, wird ihr einmal mehr bewusst, dass hier dringend ein Arzt gebraucht wird. Sie geht zum Gouverneur von Deutsch-Neuguinea, zu Albert Hahl, einem vernünftigen Mann, mit dem es sich reden lässt – wäre da nicht Alfred Ross, seines Zeichens Bezirksamtmann. Er ist Hahl unterstellt, arbeitet aber eigenständig, er tyrannisiert die Ureinwohner, rekrutiert sie notfalls mit Waffengewalt. Zudem ist er – wie sich bald herausstellt – korrupt. Um seines Vorteils willen schikaniert er die Deutschen, hier sind es die Bergers, die allesamt unter ihm zu leiden haben – ihre Existenz ist gefährdet und als wäre das nicht genug, droht auch die Vergangenheit, sie einzuholen.
    Schon lange habe ich sie alle ins Herz geschlossen - Gustav und seine Töchter und auch die nächste Generation. Marie wird es hier, in Friedrich-Wilhelmshafen, zu eng. Es drängt sie Richtung Singapur, einer Stadt, die ihr und ihrem Schneiderhandwerk sehr viel mehr zu bieten hat als diese doch sehr provinziale Gegend. Und da ist Paul, Anna und Rabas Sohn, der zweisprachig aufgewachsen ist und der sich hier als auch bei Rabas Stamm zuhause fühlt.
    Ich lese von Kembu, einem Schießjungen, der für die Deutschen Paradiesvögel jagt, deren Federn gutes Geld einbringen. Die Autorin lässt gekonnt wahre Begebenheiten in ihre fiktive Story um die Familie Berger mit einfließen, auch gab es zwischen den Soldaten und den indigenen Stämmen Konflikte, die nicht selten brutal ausgetragen wurden. Dies ist nur ein kleiner Abriss dessen, was der dritte und letzte Teil der Neuguinea-Saga zu bieten hat.
    Fiktion und die wahren historischen Ereignisse bilden eine homogene Einheit, alle Personen sind fiktiv -bis auf Albert Hahl, dem deutschen Verwalter der Kolonie in Neuguinea. Seine charakteristischen Eigenschaften sind nach historischen Überlieferungen wiedergegeben, wie die Autorin als Nachbemerkung betont.
    Wie schon die beiden Vorgängerbände so ist auch die Zeit des Umbruchs ein spannender, historischer Roman, der viel von der Kolonialzeit der Deutschen weiß. Man erfährt viel Wissenswertes, dringt tief ein in die täglichen Belange und Unzulänglichkeiten wie etwa Sprachbarrieren und deren Überwindung, erfährt über medizinische Belange und die Plantagenwirtschaft (Kopra sei hier genannt) und von noch so vielem mehr, all dies unterhaltsam aufbereitet. Nun wünsche ich allen viel Freude mit dieser sehr lesenswerten Neuguinea-Saga, die nun vollständig in allen drei Teilen erhältlich ist.
    Blauäugig

    Beate Winter
    Blauäugig (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.08.2026

    Spannend, kurzweilig, dramatisch

    Richard Wehmeier wacht auf. In seiner Schimmelbude, die ihm nach acht Jahren Gefängnis zugewiesen wurde, hält er es keine Sekunde länger aus, er flüchtet - wie jeden Tag in den letzten Wochen - direkt in Paula´s Brasserie, wo ihm Birgit Whiskey und Kaffee serviert. Noch lässt er anschreiben, hofft aber auf Arbeit. Ein Unbekannter ruft für ihn an: „Komm zu den Glockenwiesen 36. Ich kenne die Wahrheit.“ Sollte doch noch seine Unschuld bewiesen werden? Er wurde wegen des Mordes an der vierjährigen Betti verurteilt, wegen guter Führung ist er vorzeitig aus der Haft entlassen worden.
    Zunächst war mir Richard Wehmeier nicht sonderlich sympathisch. Ein Verlierer auf ganzer Linie, der seine Tage mit Hochprozentigem beginnt, ist nicht gerade vertrauenerweckend. Zudem tapst er ziemlich unbedarft durch die Gegend, geht auf der Suche nach der angegebenen Adresse in ein Haus, dessen Türen offen stehen, er aber hier niemanden antrifft, dafür aber hinterlässt er genügend Spuren.
    Derweilen wird Hauptkommissar Kilian Frommelt zu einem Kind gerufen, das tot im Unterholz liegt. Es wurde erwürgt, der Fundort ist nicht der Tatort. Und wieder deutet alles auf Wehmeier hin – war dieser Anruf eine Falle?
    Es ist der erste Fall für Kilian Frommelt, der mit seinem Team effizient arbeitet. Schnelle Lösungen, wie sie von Staatsanwalt Hausmann gefordert werden, sind nicht sein Ding. Die Ermittlungsarbeit gestaltet sich nicht gerade einfach, zumal sie mehreren Spuren folgen und keine direkt zielführend ist. Neben den akribischen Ermittlungen schwingt auch Privates mit hinein, auch gefallen mir die kleinen Spitzen, die Kollegin Hannah drauf hat. Sie gibt Kontra, hat immer einen flotten Spruch auf Lager.
    Wehmeier lerne ich näher kennen und schätzen, was ich anfangs nie für möglich gehalten hätte. Seine Ex-Frau kommt ins Spiel und auch die Familie von Lisa, dem getöteten Mädchen, das im Unterholz gefunden wurde. Es sind noch so einige mehr, die in den Ermittlungsfocus geraten wie etwa Rene, ein kleiner Junge, der vieles beobachtet, aber – ist er auch glaubwürdig?
    ER kommt zu ihr – schon der Prolog lässt mich in eine bestimmte Richtung denken. Dieser Gedanke blitzt zwar zwischendurch immer mal wieder auf, aber doch kann ich ihn nicht so recht zuordnen. Überhaupt dauert es lange, bis die ganze schreckliche Wahrheit ans Licht kommt. Sowohl die Ermittlungsarbeit als auch die privaten Momente, die gekonnt ineinanderfließen, halten mich in der Geschichte, die hin zu einem Familiendrama führt. Lügen, Intrigen, Missbrauch und Mord – die Charaktere sind allesamt glaubhaft angelegt, sowohl aufseiten der Polizei als auch auf denen der Zeugen und jenen, die als verdächtig gelten. Dazu der spannende Schreibstil, der mich sofort ins Buch gezogen und mich bis zum Schluss nicht losgelassen hat. Blauäugig. Ein Fall für Kilian Frommelt – der Auftaktband ist gelungen.
    Hummerjahre

    Beatrix Gerstberger
    Hummerjahre (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.08.2026

    Von Abschieden und Neuanfängen

    Die Rückblicke auf die „Hummerfrauen“, auf Julie, Mina, Ann, sind die perfekte Einführung in die nächsten Jahre, in die „Hummerjahre“. Ich bin wieder voll dabei, kann mir aber vorstellen, dass auch jene, die das erste Buch nicht kennen, sich in den Hummerjahren gut zurechtfinden werden.
    Julie bin ich das erste Mal begegnet, als sie 54 war. Ihre scharfe Zunge hat sie sich bis heute, zwanzig Jahre später, bewahrt. Sie ist jetzt 73, ihren Mann Nat, von dem sie das Hummerfischen gelernt hat, vermisst sie noch immer. Einst hat sie die Kapitänslizenz erworben, das Hummerfischen ist nach wie vor ihre Leidenschaft und doch wäre es schön, wieder einen Mann an ihrer Seite zu haben. Der Einsamkeit will sie entfliehen. Wenn das nur so einfach wäre!
    Mina ist heute 57, sie lebt mit Carlos fernab von Eagle Island und nun reist sie mit Luca, ihrer Tochter, auf die Insel, wo ihre Eltern Richard und Judith schon auf sie warten. Und sie trifft ihre einstige Liebe wieder. Sam, Lucas Vater.
    Ann war damals schon 72, Rückblenden auf das Jahr 2004 bringen uns Ann wieder in Erinnerung. Sie hat einst Mina ein Zuhause gegeben und da war noch einer, den es auch heute noch gibt. Mr Darcy, der blaue Hummer. Er hat sich bei Ann wohlgefühlt, denn er ist immer wieder zu ihr zurückgekehrt, trotzdem sie ihn mehr als einmal am Strand ausgesetzt und ins Meer getrieben hat. Heute lebt er bei Ellis, dessen Sohn John vor Jahren tot aus dem Meer gefischt wurde. Ellis hat dies bis heute nicht verwunden, zumal die Umstände seines Todes nicht geklärt werden konnten.
    Es ist aber noch sehr viel mehr, von dem Beatrix Gerstberger erzählt. Von Verlust und Schuld, von Tod und Trauer, von Verzweiflung und tief empfundenen Verletzungen, von Erinnerungen und von Neuanfängen und auch von Liebe und Vergebung lese ich. Jede einzelne Figur hat viel durchlebt, nicht immer war das Leben fair, die Vergangenheit lastet schwer auf ihnen. Können alte Wunden heilen?
    Es ist Zeit, Abschied zu nehmen von den Hummerfrauen, die mich über zwei Bücher in ihr Leben gelassen haben. Es war eine intensive Lesezeit mit individuellen, vielschichtigen Charakteren und einer Insel, zu der ich – so eindrucksvoll beschrieben – am liebsten sofort aufbrechen würde.
    72 Stunden mit dir

    Darianne Schramm
    72 Stunden mit dir (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    14.08.2026

    Countdown in den Tod

    Mit niemandem darüber reden, niemals eine Stunde Null miterleben und sich nicht einmischen – diese drei Regeln hat Sydney für sich aufgestellt. Aber – mit Peter hat sie alle drei gebrochen. Was genau geschieht hier?
    Mit Liam bin ich gleich mal hautnah dabei: Über seinem Kopf blinkt das pinke Licht, das nur sie sieht – Syd. Er wird heute Abend sterben, seine Lebensuhr läuft unerbittlich ab, dabei ist er putzmunter. Nun, es kommt, wie es kommen muss. Im Nachhinein betrachtet fügt sich alles zusammen, Liam ist tot. Wie er gestorben ist, werde ich hier nicht verraten, weitere werden ihm folgen. Sidney Hoffman weiß es 72 Stunden zuvor, sie hat diese besondere Gabe, die sie von ihrer Großmutter geerbt hat.
    Und da ist der neue Mitschüler Peter Beckett, der ihr als Partner bei einem Schulprojekt zugeteilt wird, was sie rundweg ablehnt. Hilft aber nichts, sie muss sich mit ihm arrangieren, was sie dann eher zähneknirschend durchzieht. Der sehr intelligente, durchaus charmante und witzige Peter schleicht sich immer mehr in ihr Herz, sie verbringen Zeit miteinander und es bleibt nicht aus, dass sie ihn in ihr bis dahin gut gehütetes Geheimnis einweiht. Peter kann zwar die pinke Uhr der dem Tode nahen Menschen nicht sehen, geht aber auf diese Leute zu, schenkt ihnen eine Kleinigkeit oder auch nur ein Lächeln, ein nettes Wort, um ihnen ihre letzten Stunden zu versüßen.
    Charles taucht wieder auf, Syd ist geschockt. Was hat er getan? Er scheint ein Stalker zu sein, meine Gehirnzellen rattern, meine Vermutung geht in eine bestimmte Richtung. Irgendwann wird klar, welche Rolle er in ihrem Leben gespielt hat. Zwischendurch dann bringt ihre jüngere Schwester Jules so einiges knallhart auf den Punkt. Syd is not amused.
    Darianne Schramms „72 Stunden mit dir“ ist ein Jugendbuch, das habe ich mir vor allem anfangs immer wieder vor Augen halten müssen, denn die Story baut sich erst langsam auf, wird jedoch zunehmend intensiver. Gewisse Szenen aber kann ich nicht unbedingt etwas abgewinnen: Wenn etwa Syd in bestimmten Situationen sich irgendetwas Angespitztes ins Auge oder alternativ sich ein Steakmesser ins Bein rammen will – und das nicht nur einmal - war ich schon perplex ob dieser rohen Gewalt. Ist das Jugendsprech?
    Die Figuren, allen voran die beiden Hauptfiguren, haben mir gut gefallen, vor allem Peter (mein absoluter Lieblingscharakter) verleiht der Story Tiefe und auch Ernsthaftigkeit, die man einem gerade mal erwachsenen Jungen gar nicht zutrauen würde. Und ja, die Story gewinnt zunehmend an Intensität, der flüssige Schreibstil ist trotz des ernsthaften Themas locker-leicht zu lesen und durchaus unterhaltsam.
    Und dann läuft der Countdown… unerbittlich, 72 Stunden, bis zur Stunde Null. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Es wird Zeit, loszulassen.
    Die Bernsteinfischerin

    Lisa Quentin
    Die Bernsteinfischerin (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.08.2026

    Die Schönheit des Bernsteins

    Lisa Quentin erzählt in ihrem Roman DIE BERNSTEINFISCHERIN von Ebba und Julika - letztere ist Bernsteinforscherin. Als sie einen Stein mit einer außergewöhnlichen Inkluse in Händen hält, beginnt sie nachzuforschen. Bald weiß sie, dass dieser Stein 1943 im Samland an der ostpreußischen Küste von einer gewissen Ebba Bredow gefunden wurde.
    Zwei Zeitebenen sind es, die abwechselnd erzählt werden und sich irgendwann dann annähern. Ebba begegne ich erstmals 1943 als 8jährige, als sie mit ihrem Vater, einem Bernsteinfischer, am Strand unterwegs ist, um nach Bernstein zu suchen. Sie leben im Samland, das damals zu Ostpreußen gehört. Nach ihrer Flucht hat es sie dann weiter westlich nach Niendorf/Ostsee (Timmendorfer Strand) verschlagen.
    Der Roman erzählt von diesen zwei Frauen, die unterschiedlichen Generationen angehören. Beide sind sie pflichtbewusst, sie leben in gewissen Zwängen, beginnen dann zaghaft über diese viel zu großen Schatten aus Verantwortungsgefühlen zu springen. Sowohl Julika als auch Edda sind starke Persönlichkeiten, wenngleich Julika die Fesseln, die ihr ihre familiäre Situation aufdrängt, lange nicht abstreifen kann. Und doch ist es diesem Stein geschuldet, dass sie sich mehr und mehr selbst findet. Und sie findet Edda. Beide Frauen sind trotz ihres so gegensätzlichen Hintergrundes interessante, vielschichtige Persönlichkeiten, beiden mochte ich gerne folgen, wenngleich mir anfangs die kleine Edda mehr zugesagt hat.
    Darüber hinaus erfahre ich viel über Bernstein, über dieses fossile Baumharz, das über Millionen von Jahren versteinert ist und über die Inklusen, die darin für ewig konservierten Pflanzen und Kleintiere. Diese Inklusen sind es, über die Julika forscht. Genauer gesagt ist es eine ganz besondere Wespenart, die sie nicht mehr loslässt. Und auch mich hat diese sehr interessante Geschichte, das so eindrucksvoll erzählte Buch, nicht mehr losgelassen.
    DIE BERNSTEINFISCHERIN ist eine einfühlsam erzählte Geschichte über Verluste und über das Loslassen, auch eine von Liebe und von Selbstfindung und von Neuanfängen, die landschaftliche Schönheit und die Suche nach Treibgut am Strand mit eingeschlossen.
    Abfahrt ins Jenseits

    Salvatore Simonetti
    Abfahrt ins Jenseits (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    11.08.2026

    Ein stimmungsvoller erster Fall für Mamma Marcella

    Mamma Marcella ermittelt zwischen Minestrone und Vino - der Auftakt „einer mörderisch guten Reihe“ ist gelungen.
    Marcella ist nach den Jahren in Deutschland mit ihrem Figlio Domenico in ihr Heimatdorf Dolceaqua zurückgekehrt, mit ihrem Mann Beppo ist sie endgültig fertig. Und nun betrauert sie Magdalena, die urplötzlich verstorben ist. Schon bei der Totenmesse meint sie, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht und als dann kurz darauf auch Silvios und Angelos Tod zu beklagen ist, weiß Marcella, dass mehr dahinterstecken muss. Ihr kriminalistisches Gen schlägt Purzelbäume, ganz anders als das von Domenico, der als Carabinieri alle Zeichen, die auf ein Verbrechen hindeuten, doch sehen müsste. Er aber schwebt mit seiner neuen Freundin Rosina auf Wolke sieben, also folgt Marcella ihrer Intuition, bisweilen unterstützt von ihrem Untermieter, dem verkappten, aber doch sehr liebenswerten Künstler Harry.
    Mamma Marcella ist sehr umtriebig, sie folgt jeder noch so kleinen Spur, schnüffelt in einem alten Hotel genau so rum wie in einem Bestattungsinstitut, hat so einige in Verdacht, sogar von der Mafia ist die Rede. Ihr fahrbarer Untersatz leistet ihr gute Dienste, ihre Fahrkünste sind die einer Italienerin durchaus würdig. Und wie es eine italienische Mamma so macht, bekocht sie ihren Domenico, der sich das gerne gefallen lässt. Wären da nicht ihre beiden Miezekatzen, die bei ihm ein heftiges Niesen und Schniefen auslösen. Seit Neuestem gesellt sich zu den zweien auch der kleine Salsiccia, ein niedliches Hündchen, den Marcella sozusagen adoptiert hat.
    Die „Abfahrt ins Jenseits“ spielt sich in und um den ligurischen Ort Dolceaqua mit seiner malerischen Altstadt ab. Schon Claude Monet hat sich von diesem zauberhaften Ort inspirieren lassen, die beiden Betreiber einer Eisdiele, Dino und Gino, haben ihr Lokal selbstredend nach ihm benannt.
    Marcella entgeht nichts, sie ist die sympathische, sehr aufgeweckte und schlagfertige, alles beobachtende Figur, die alle um sich schart. Ihre Methoden sind zuweilen grenzwertig, aber dennoch von Erfolg gekrönt – wie es sich für einen gelungenen Cosy Crime nun mal gehört. Neben den kriminalistischen Elementen, die viel Raum einnehmen, ist es auch das Zwischenmenschliche, das einen zum Schmunzeln bringt. Überhaupt gefällt mir der lockere, humorvolle Schreibstil, der jedem einzelnen Charakter seine individuelle Note gibt, untermalt von der zauberhaften Landschaft und der italienischen Lebensart, die mich gedanklich direkt dorthin versetzt.
    „Abfahrt ins Jenseits“, der erste Fall für Mamma Marcella, ist ein stimmungsvoller Cosy Crime mit viel Italien-Flair, der mit viel Spannung und gelegentlichem Augenzwinkern den Deal mit dem Tod durchleuchtet und ihm letztendlich auf die Spur kommt. Gerne mehr davon, gerne mehr von Marcella.
    Wenn die Bienen schweigen

    Caryl Lewis
    Wenn die Bienen schweigen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    09.08.2026

    Eine Dystopie - durchaus denkbar

    „Wenn die Bienen schweigen“ ist eine düstere Dystopie. Ein Jugendbuch, das die Welt am Abgrund zeigt.

    Caryl Lewis verrät am Ende des Buches, dass ihr diese Geschichte schon lange im Kopf herumsummte. Ein schönes Bild, zumal es hier um die Bienen geht, die allerdings mittlerweile schweigen – sie als Imkerin weiß um das Bienensterben.

    Der Ich-Erzählerin Jess begegne ich erstmals, als sie und ihr Bruder Shey noch bei ihrer Mutter leben. Aber nicht mehr lange, mit elf Jahren müssen alle Mädchen in ein Camp, um per Hand, auf einer Leiter stehend, die Obstbäume zu bestäuben. Jess ist schon dreizehn, als sie weg muss, da ihre Mutter ihre Geburtsurkunde so gut hat fälschen lassen, dass es niemandem auffällt.

    Und nun ist sie hier, in diesem Camp, das Platz für 500 Mädchen bietet. Eines von vielen, in einem Land, das namentlich nicht benannt wird. Aufpasserinnen, die Mutter genannt werden, sorgen für Zucht und Ordnung, unterstützt von Wächtern. Vater Renatus führt das Camp mit harter Hand, gleich nach der Ankunft müssen die Mädchen den Treueschwur gegenüber General Porter ablegen. Schon allein diese ersten Eindrücke sind beklemmend. Von nun an werden sie tagsüber bei flirrender Hitze auf den Leitern stehen, um Blüte um Blüte mit Pinseln zu bestäuben. So lange, bis sie im gebärfähigen Alter sind und sie zwangsverheiratet werden mit ihrem genetischen Match, einem Jungen, den sie nie zuvor gesehen haben.

    Bücher sind verboten, Bildung gibt es nicht mehr. Schon allein dieser Aspekt zeigt, wie Leute gefügig gemacht werden. Im Gegensatz zu den meisten Mädchen hütet Jess jedoch einen Schatz, den ihr einst ihre Mutter mitgegeben hat. Sie kann lesen, sie und Shey wurden von ihrer Mutter heimlich unterrichtet, so gut es eben ging. Und Jezz weiß auch anders mit einem Pinsel umzugehen, eines Tages zeigt sie eine Welt der Farben auf, welche die einen staunen lässt und die anderen in Alarmbereitschaft versetzt.

    Das Bienensterben ist Realität, genau so der Klimawandel. Aber – lernen wir daraus? Noch leben wir im Überfluss, wissen zumindest in unserer westlichen Welt nicht zu schätzen, wie wertvoll uns die Nahrungsmittel sein sollten. Das Aussterben der Bienen hätte zur Folge, dass es viele Nahrungsmittel nicht mehr geben würde, da über siebzig Prozent der Nutzpflanzen von Bienen bestäubt werden. Es käme zu einem Dominoeffekt, zu Ernteausfällen. Pflanzen würden verschwinden, ebenso Tiere, die ihre Nahrungsquellen verlieren würden. Dies ist nur ein Abriss dessen, was uns die Autorin am Ende dieses Buches noch mitgibt wie auch die heute schon praktizierte Bestäubung von Hand - als Beispiel führt sie die Obstplantagen im chinesischen Sichuan an.

    Ein düster gezeichnetes Szenario über den Kollaps der Natur, in dem es einige wenige gibt, die daraus ihren Nutzen ziehen würden, ein alle unterdrückendes System wäre eine Folge dessen. Ein Buch, das nachdenklich macht, ein Buch für jung und alt, wie ich finde. Ein Buch, das gelesen werden sollte.
    Keine Angst, Darling

    Vera Buck
    Keine Angst, Darling (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    03.08.2026

    Tradwife. Die Risse in Leas perfekter Welt

    Tradwife. Über diesen Begriff bin ich schon des Öfteren gestolpert, so richtig auseinandergesetzt habe ich mich damit nicht. Ganz einfach deshalb, weil dies für mich keine Lebensform ist. Dieser Trend verherrlicht das Hausfrauendasein der 1950er Jahre - das Nur-Hausfrau-Dasein, dem Manne dienen, ihm jeden Wunsch schon im Vorfeld von den Lippen ablesen, dabei sich selbst hintanstellen oder besser gesagt, sich komplett zurücknehmen. Denn schließlich ist er es, das das Geld verdient.
    Lea ist eine dieser glücklichen Frauen. Sie lebt in der nach außen hin abgeschotteten Siedlung Sancta Familia in Florida, kümmert sich liebevoll um Matt, ihren Ehemann und um Emma, ihre kleine Tochter. Zuvor hat sie ganz anders gelebt, aber seit sie Matt begegnet ist, ist ihr Leben, an dem sie online ihre Follower teilhaben lässt, sinnerfüllt. Den Kontakt zu Paula, ihrer Schwester in Deutschland, hat sie abgebrochen, Paula macht sich dennoch Sorgen, sie folgt Leas Kanal. Als dann urplötzlich Leas Heile-Welt-Clips enden, fliegt Paula kurzerhand nach Florida. Und – trifft Lea nicht an. Angeblich erholt sie sich in einem Retreat, das Matt jedoch nicht näher benennen kann oder es auch nicht will. Paula lässt nicht locker, sie setzt alle Hebel in Bewegung, trifft dann auf eine Frau, die mehr von Sancta Familia zu wissen scheint.
    Von Vera Buck habe ich schon einiges gelesen. Der dunkle Sommer, Das Baumhaus, Wolfskinder - ihre Thriller haben mich komplett überzeugt. Jeder einzelne. Keine Angst, Darling möchte ich hier unbedingt einreihen.
    Man ahnt, dass Leas heile Welt nicht von Dauer sein kann, trotzdem sie von dieser Lebensform überzeugt zu sein scheint. Ich folge ihr durch ihren Alltag, den sie einst selbst gewählt hat. Die Autorin lässt Leas Gedanken in Tagebuchform, getarnt als Haushaltsbuch, mit einfließen. Lässt ihre Leser an Emmas Geburt teilhaben, eigentlich schon ab dem Zeitpunkt der Zeugung. Auch viele andere Szenen meint man, einschätzen zu können. Aber – nichts ist so, wie es den Anschein hat. Vera Buck ist eine Meisterin darin, Situationen darzubieten, lässt an vielen Einzelmomenten teilhaben, löst spät auf, verblüfft einmal mehr.
    „Keine Angst, Darling“ ist ein wiederum sehr fesselnder, zudem beklemmender Thriller, der von Abhängigkeiten, von Manipulation und häuslicher Gewalt erzählt, der dem jahrzehntelangen Kampf um die Gleichberechtigung der Frau mit diesem Tradwife-Trend entgegenwirkt. Ein Buch, das ich nicht weglegen konnte, das mich noch lange beschäftigen wird.
    Septembermord

    Chris Chibnall
    Septembermord (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    31.07.2026

    Ein Toter – grotesk in Szene gesetzt

    Jim Tiernan, der dem Leben sehr zugewandte Wirt des White Hart, wird tot aufgefunden - geradezu grotesk in Szene gesetzt. Seine Leiche ist an den Stuhl gefesselt, der mitten auf der Straße steht, auf Jims Kopf thront ein riesiges Hirschgeweih. Detective Nicola Bridge und DC Harry Ward werden mitten in der Nacht an diesen Fundort gerufen. Was wollte der Täter ihnen angesichts dieser Inszenierung sagen? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf.
    Es ist der erste Fall für das Ermittlerduo Bridge und Ward. Nicola Bridge hat sich aus privaten Gründen hierher, ins westliche Dorset, versetzten lassen, ihr Kollege Harry Ward ist Seiteneinsteiger, beide sind sie sehr motiviert, beide müssen sie aber erst zusammenfinden.
    Der Story vorangestellt ist eine Karte mit den einzelnen Schauplätzen zu diesem Krimi. In Fleetcombe ist Jims White Hart zu finden, ein einfaches Pub für all jene, die keine besonderen Ansprüche stellen. Ganz anders das Fox, das eher gehobenes Publikum anzieht, betrieben von Ayesha Barton. Daneben sind es Eddie, der Paketbote und Frankie, der Friseur, die Ukrainerin Irina, Jims Schwester Patricia und Deakins, dessen Hof nahe Fleetcombe liegt und ein kleines, etwa neun Jahre altes Mädchen, das – wie wir erst später erfahren – Shannon heißt, die alle mit Jims Tod zu tun haben könnten oder die zumindest mehr wissen, als sie zugeben. Auch mischen noch etliche, meist doch recht sonderbare Gestalten, mit, keiner ist zu durchschauen. Alle schweigen.
    Es ist ein eher ruhiger Krimi, der neben dem eigentlichen Fall, der sofort präsent ist, zunächst den Focus auf die einzelnen Personen legt. Und da sind lange zurückliegende Verbrechen, die Ähnlichkeiten mit dem heutigen Mord aufweisen. Seltsam auch, dass den Morden damals – es waren drei – jeweils ein Feuer vorausging, das meilenweit zu sehen war. Genau so wie heute.
    „Chris Chibnall hat das britische TV-Krimidrama geprägt“, wie ich über ihn und seine Arbeiten lese. Mir jedoch war er vor „Septembermord“ unbekannt. Dieser Reihenauftakt um Bridge und Ward ist vielversprechend, der unaufgeregte Schreibstil fesselt auch dank der geheimnisumwitterten Charaktere und der durchweg bedrückenden Stimmung ungemein. Der Schluss dann – wer es denn wirklich war und warum - hat mich komplett überrascht, wenngleich das Warum für meine Begriffe nicht ganz schlüssig ist. Nichtsdestotrotz habe ich mich gut unterhalten gefühlt, die Spannung war durchweg da - bis zum für die Täterperson bitteren Ende.
    Frieda

    Geraldine Oetken
    Frieda (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    29.07.2026

    Auf Spurensuche in Zeiten des Nationalsozialismus

    FRIEDA ist ein Buch, das Zeit braucht. Frieda hat wirklich gelebt, ihre Eckdaten sind bekannt: Frieda Helms, geboren 22.12.1881, gestorben 05.02.1941 im Kloster Blankenburg.
    Geraldine Oetken erfährt eher zufällig bei einer Beerdigung, dass sie eine Urgroßtante hatte, die 1941 in einer Anstalt für Menschen mit Behinderung gestorben ist. Wer war Frieda? Geraldine Oetken will es genau wissen, sie forscht nach, drei Jahre lang. Da Frieda während der Zeit der Nationalsozialisten ums Leben kam, noch dazu in so einer Anstalt, liegt der Schluss nahe, dass ihr Ableben nichts mit einem natürlichen Tod zu tun hatte.
    Zunächst sind es Verwandte, die sie aufsucht, auch Historiker. Sie sucht in Kirchenarchiven, auf Friedhöfen und Dachböden, hat unzählige Bücher und Akten in Händen, liest immer wieder von Minderjährigen und Erwachsenen mit angeblich unheilbaren Krankheiten, die sich erschreckend ähnlich waren. Euthanasie war in der NS-Zeit an der Tagesordnung, da wurde „unwertes Leben“ knallhart aussortiert, wir alle wissen davon.
    „Die Suche nach Menschlichkeit in einem unmenschlichen System“ ist nicht immer einfach zu lesen, des Öfteren musste ich das Buch beiseite legen, es wühlt auch heute noch zu sehr auf. Die Familien dahinter, denen das Kind, die Mutter, die Tante weggeholt wurden, hatten meist nicht die Gelegenheit oder das Geld für eine Anreise – sie haben ihre Angehörigen nie mehr gesehen, der Totenschein dann war eher ein vorgefertigter Wisch. Oetken geht aber noch weiter, sie befasst sich akribisch mit den Daten, sie gibt Einblick in Statistiken und Tabellen, hat viele Zahlen parat, was mir zuweilen dann doch etwas zu viel war.
    Die Autorin wirft auch einen kritischen Blick auf das Heute, auf die immer stärker werdende rechtsextremistische Bewegung, die von skrupellosen Politikern mit ihrer verlogenen Propaganda gefüttert wird. Sie kennen ihr Klientel sehr genau, werfen maßgeschneiderte Lügen unters Volk, ihre Zielgruppe ist sehr empfänglich dafür.
    Ist eine Spurensuche nach so langer Zeit, mit so wenigen Infos, überhaupt noch möglich? Geraldine Oetken hat viel recherchiert, sie hat sich mit den Gräueltaten des NS-Regimes auseinandergesetzt, hat viele Infos zusammengetragen und diese in ihr Buch mit einfließen lassen. Ein Buch, das nachdenklich stimmt.
    Perfect Little Monsters

    Cindy R. X. He
    Perfect Little Monsters (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    29.07.2026

    Durchweg rasant und spannend

    PERFECT LITTLE MONSTERS wird als psychologischer YA-Thriller angeboten, sowohl die Aufmachung als auch der perfekt gewählte Titel ziehen mich unweigerlich in diese Story, von der ich zunächst weiß, dass Ella Moore, die in der Schule und als Kapitänin der Cheerleader den Ton angibt, auf ihrer eigenen Party ermordet wird und der Verdacht auf Dawn Foster fällt, die erst seit Kurzem an dieser Schule ist. Warum Dawn als Außenseiterin gilt, erschließt sich mir bald, auch lerne ich Naomi und Lucy, die engsten Vertrauten um Ella, näher kennen.

    Den little monsters vorangestellt ist eine Triggerwarnung, die dann ausführlich auf der letzten Seite zu finden ist. So kann man selbst entscheiden, ob man diese Warnung um die Themen wie Mobbing – um nur eines herauszugreifen - vorab lesen will, dann aber logischerweise gespoilert wird. Da es sich hier um einen Thriller handelt und schon der Titel Böses ahnen lässt, liegt der Schluss nahe, dass zu zartbesaitete Leser an so einigen Vorkommnissen zu knabbern haben werden. Für mich als versierte Thriller-Leserin braucht es diese Warnung nicht unbedingt und doch finde ich gut, dass der Verlag darauf hinweist.

    „Für alle Außenseiter: Ihr seid schön, ihr werdet geliebt.“ Dieser Satz ist der Story vorangestellt und wenn man weiterliest, weiß man diese Aussage einzuordnen. Los geht es mit einem Versteckspiel, das man noch nicht zuordnen kann und dann geht es zwei Monate zurück zu Dawn, deren Schicksal näher beleuchtet wird. Schon in ihrer alten Schule war sie bei den Cheerleadern unterwegs – ob sie hier ins für sie neue Team wieder hineinkommt? Was mir des Öfteren auffällt, sind es schon auch die ehrgeizigen Mütter, die von ihrer Cheerleader-Zeit noch heute begeistert sind, die ihre Töchter antreiben, es ihnen gleichzutun. Der Druck, den Eltern zu gefallen, scheint groß zu sein.

    Nun, Dawn kommt sich anfangs ziemlich verloren vor. Sie sieht Raquel, die abseits der beliebten Mädchen steht, freundet sich mit Isaac an – auch er distanziert sich eher von der tonangebenden Truppe um Ella. Und dann lese ich von Hannah. Immer wieder sind es kurze Sequenzen, die von ihr erzählen. Ich meine irgendwann, sie zuordnen zu können, bin mir aber nicht sicher. Genau diese Unsicherheit, diese unterschwelligen Wahrnehmungen sind es, die mich vorangetrieben und mich durchweg haben rätseln lassen.

    Oh ja, perfect little monsters sind sie wirklich. Böse, sehr böse sind sie – aber wer genau ist hier gemeint? Gut, die Truppe um Ella ist hinlänglich beschrieben, es kommt aber noch sehr viel niederträchtiger. Zwischen den Zeilen wird so einiges angedeutet, das ich erst zum Schluss ganz durchschaue. Genau das ist es, was mich an einem gut gemachten Thriller reizt, der mit so einigen, nicht vorhersehbaren Wendungen aufwartet, der rasant voranschreitet, der mit den Empfindungen gekonnt spielt. Zudem ist es der flüssige Schreibstil von Cindy R. X. He, der einen vorwärts treibt, der die Spannung hochhält und keine Längen entstehen lässt.

    Diese PERFECT LITTLE MONSTERS haben mich perfekt unterhalten. Ein Thriller, der schnell gelesen ist, der neben Mobbing ernste Themen behandelt wie Essstörungen und die damit einhergehende fehlgeleitete Körperwahrnehmung, der darüberhinaus von psychischen Erkrankungen bis hin zum Tod und vieles dazwischen anspricht. Ein YA-Thriller, der von jung und alt gelesen werden sollte.
    Dem Meer entgegen

    Lidija Hilje
    Dem Meer entgegen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    21.07.2026

    Atmosphärisch, einfühlsam, wundervoll erzählt

    „Als sie fragt, warum ich mich so für Trester interessiere, erzähle ich vom Olivenhain meiner Großmutter, den ich inzwischen selbst bewirtschafte, und erwähne auch mein Studium der Mikrobiologie. Leider, erzähle ich, habe es nach meinem Abschluss in meiner Heimatstadt keine passenden Stellen mehr gegeben.“
    Dieser Olivenhain gehört zum familieneigenen Hotel Lovorun, das Ivonas Vater unbedingt erhalten will, er jedoch nach einem Schlaganfall dazu nicht mehr in der Lage ist. Ivona zieht wieder heim, pflegt ihren Vater und kümmert sich um den Verkauf des Hotels mitsamt ihren Olivenbäumen – ein sehr schmerzhafter Prozess.
    Es sind zwei Erzählstränge, die ineinanderfließen, die ineinander greifen. Ivona lebt in Hier und Jetzt, ihre Gedanken schweifen zurück. Ihre Herkunftsfamilie lerne ich kennen und auch – und vor allem – Vlaho, ihre große Liebe. Zehn Jahre waren sie verheiratet, zehn glückliche Jahre. Bis das Schicksal es nicht so gut mit ihnen meint, sie lassen sich scheiden, ihre Wege kreuzen sich dennoch immer wieder - die Liebe bleibt trotz widriger Umstände.
    DEM MEER ENTGEGEN ist ein Roman um eine lebenslange Liebe, um Sehnsucht und Verlangen, um das Loslassen, um Neuanfänge und schicksalhafte Entscheidungen und um noch so viel mehr. Das Leben ist nicht immer fair, wir wissen es. Und doch sind wir nicht ganz unbeteiligt, im Nachhinein betrachtet treffen wir so manch falsche Entscheidungen, hören zu viel auf die „gut gemeinten Ratschläge“ anderer. Mehr noch, wir lassen uns manipulieren, wollen es bestimmten Menschen recht machen, auch wenn ihr Ansinnen egoistischer Natur ist.
    Das Buch strahlt trotz der ernsten Themen viel Energie und Kraft aus. An der Küste Kroatiens spüre ich die Sonnenstrahlen, wärme mich an den heißen Tagen, zittere völlig durchnässt nach so manch Regenschauer und immer ist es das Zwischenmenschliche und all das Gesagte und vor allem das, was ungesagt bleibt, das diesen Roman zu etwas ganz Besonderem macht. Der einfühlsame Erzählstil lässt die Protagonisten zum Leben erwachen, Ivona und auch Vlaho, um die beiden Hauptcharaktere hervorzuheben, sind authentische Figuren, denen ich gerne gefolgt bin, denen ich nur das Beste wünsche.
    DEM MEER ENTGEGEN ist ein ruhiger Roman, sehr atmosphärisch, sehr lebendig, mit sehr viel Inhalt, wunderschön geschrieben, sehr lesenswert.
    Querfeldein

    Alex Capus
    Querfeldein (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    21.07.2026

    Großartig, absolut lesenswert

    In einem Grenzort namens Ramsen nördlich des Rheins, auf der Schweizer Seite, eröffnet der junge Arnold einen Gasthof, den er nach einigem Hin- und Her dann „Gasthof zur Moskau“ nennt. Die Gastwirtschaft läuft gut und als dann eine junge Frau auf ihrem imposanten Brabanten hier Halt macht, ist Arnold von ihr sofort hingerissen. „Hier kam eine Amazone…“ Sie stellt sich ihm als Betty vor. Bald darauf heiraten sie, Clara wird geboten, sieben weitere Kinder folgen.
    Clara ist schon immer anders als die anderen, sie ist neugierig, weder mit Geboten noch mit Verboten ist ihr beizukommen, sie setzt stets ihren Willen durch. Einen Mann will sie nicht, bis dieser eine kommt. Hermann. Ein Schmuggler. Ihn treibt es ähnlich an wie sie, beide leben sie ein Leben jenseits des Üblichen. Bis es eines Tages zum Drama kommt, als im Juni 1933 ein Schmuggler von deutschen NS-Schergen verhaftet, eher jedoch verschleppt wird – wohlgemerkt spielt sich dies auf Schweizer Boden ab.
    „Querfeldein“ macht schon ob seiner äußeren Aufmachung neugierig, die Geschichte dann hält, was der erste Eindruck verspricht. Alex Capus führt zunächst Arnold so gut ein, dass man meint, ihn persönlich zu kennen. Er ist zwar körperlich nicht der Größte, charakterlich aber ist er es auf jeden Fall. Er ist zufrieden mit dem, was er geschaffen hat, ist fleißig und handelt vorausschauend und dann ist da urplötzlich seine Betty da - ein ganz und gar anderer Charakter, auch ihre Älteste kommt eher nach ihr. Es gibt Brüche in ihrer aller Leben, der Autor lässt die historisch verbürgten Ereignisse geschickt in seine fiktive Geschichte mit einfließen.
    Alex Capus ist ein großartiger Erzähler. Er weiß, seine Leser zu fesseln, er findet zu jeder Zeit den richtigen Ton - besonnen und doch mitreißend. Ein historischer Roman, perfekt umgesetzt. Ein Roman, der gelesen werden will.
    Tage Am Fluss

    Jochen Mariss
    Tage Am Fluss (MP3)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    19.07.2026

    Feinfühlig, berührend, wunderbar erzählt

    Die TAGE AM FLUSS sind wie ein reißender Strom, der alles mit sich nimmt. Dann wieder fließen diese TAGE… gemächlich dahin, als ob nichts wäre. Jochen Mariss Debütroman handelt von der Umwelt und der fortschreitenden Umweltzerstörung, von den Klimaaktivisten, von der Annährung der Generationen, vom Loslassen und vom Ankommen. Eine bewegende Geschichte, ein wundervoller Roman, der in der ungekürzten Hörbuchfassung über 7 Stunden und 44 Minuten von Heike Warmuth und Nils Kretschmer präsentiert wird.
    Die Fährfrau Sara ist schon ein wenig eigen, sie befragt ihr Hühnerorakel und weiß dann, wenn ihre sieben Hühner auf der linken Seite picken, dass es ein guter Tag werden wird. Jochen Mariss hat sich für seinen Roman eine ganz besondere Frau ausgesucht. Sie ist schon etwas älter, sie lebt im Einklang mit der Natur, ihr Hof, der Grüne Mond, ist ihr Rückzugsort, der ihr Geborgenheit bietet, nachdem das Leben ihr nicht immer wohlgesonnen war und ausgerechnet zu ihr verirrt sich Leon, der junge Klimaaktivist. Zwei ganz und gar unterschiedliche Menschen begegnen sich, die Umstände sind schwierig. Für beide…
    …deren verbindendes Element die Umwelt ist, deren Schutz ihnen am Herzen liegt. Sara betreibt, wie schon ihre Vorfahren, eine Fähre, die das Dorf Erlengrund an die gegenüberliegenden Orte anbindet – es ist nach wie vor der schnellste Weg nach drüben. Noch! Denn ein Teil der Dorfbewohner will eine Brücke, welche Sara ihre Lebensgrundlage entziehen würde, zudem wäre ein großes Stück schützenswerter Natur unweigerlich zunichte gemacht. Die Befürworter der Brücke sehen ihren Vorteil darin, ohne Umwege von einem Ufer zum anderen zu gelangen, der örtliche Bauunternehmer hat die notwendigen Gutachten bereits in der Tasche, die Gegner jedoch sehen diese eher mit gemischten Gefühlen, die Fronten sind verhärtet. Und Leon, den das Schicksal zu ihr hingeführt hat, kann sie und ihren Kampf um den Erhalt der Fährverbindung verstehen.
    Man spürt die innere Zerrissenheit sowohl bei Sara als auch bei Leon. Saras Vergangenheit lässt sie nicht los und auch in Leons Leben ist vieles schief gelaufen. Haben sie sich zuvor kritisch beäugt, den anderen infrage gestellt, so haben sie sich langsam angenähert und docheinen Weg gefunden, sich gegenseitig zu stützen. Leon, der junge Rebell, hat sich dem Kampf um das Klima verschrieben, währenddessen Sara genau weiß, dass sie das Vergangene ruhen lassen muss.
    Ich habe mich, wie oben erwähnt, für das Hörbuch entschieden - eine für mich richtige Wahl. Beide Sprecher geben Sara und Leon ihre ureigene Persönlichkeit, ich war von Sara und der warmen, dunklen Stimme der Sprecherin sehr angetan und auch dem jungen Leon habe ich seine Überzeugung, seine Aktivitäten abgenommen – beide Charaktere werden sehr atmosphärisch, sehr facettenreich dargeboten. Die in jeglicher Hinsicht feinfühlig erzählte Geschichte macht sehr nachdenklich und doch kommt sie trotz der schwerwiegenden Themen eher leicht und beschwingt daher, sie hat mich durchweg gut unterhalten. Ein Buch, ein Hörbuch, das ich sehr gerne weiterempfehle.
    Er lügt

    Rebecca Taylor McKay
    Er lügt (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    17.07.2026

    Spannung baut sich langsam auf, um dann doch gewaltig anzuziehen

    Die Amalfiküste, der strahlend blaue Himmel, das wie gemalte Tyrrhenische Meer - wie oft bin ich diese Küstenstraße schon entlang gefahren. Immer wieder staune ich über so viel Schönheit, genau so wie die Britin Clara, die mit ihrem Mann Spencer aus dem unwirtlichen London flieht, um hier ihre Flitterwochen zu verbringen, im Palazzo Rossi in Positano werden sie wohnen.
    Schon beim Einchecken kommt es Clara komisch vor, dass Piera, eine Hotelangestellte, mit ihrem Mann ein ziemlich hitziges Gespräch führt, noch dazu in italienischer Sprache. Als dann bald danach ein handgeschriebener Zettel unter der Tür ihrer Suite durchgeschoben wird, auf dem mit schwarzer Tinte ER LÜGT geschrieben steht, behält Clara dies für sich. Mehr noch, sie vernichtet den Zettel.
    Das Cover weckt Sehnsucht nach diesem herrlichen Küstenabschnitt, lediglich der gelbe PickUp stört die Idylle, sollte es doch ein zitronengelbes Cabrio sein, mit dem das Ehepaar Carla und Spencer Carmichael anreist. Nun, der Autotyp spielt keine maßgebende Rolle, es ist eher das nicht durchschaubare Spiel, welches Spencer hier vollführt. Zumindest hat es den Anschein, als ob er etwas zu verbergen hätte und genau deshalb ist er mir nicht sehr sympathisch. Carla dagegen sehe ich in der Opferrolle, seit ich weiß, dass sie lange krank war und er sie bevormundet? Oder sollte man eher sagen, er passt auf sie und ihren immer noch labilen Gesundheitszustand gut auf? Nun, sie lernen Vivien und Fred kennen, ein schillerndes Paar, das sehr nett ist und das gut zu harmonieren scheint.
    Zwei Nächte waren es, die für mich ziemlich kurz waren, in denen ich diesem Lügner auf die Spur kommen wollte. Der Sommer der Wahrheit sollte der Aufenthalt in und um Positano sein und ja, der Wahrheit bin ich sehr nahe gekommen, es hat allerdings schon gedauert. Wobei die Spannung stets da war, wenngleich diese in der ersten Hälfte eher auf Sparflamme geköchelt hat, um dann gewaltig anzuziehen. Denn erst dann passiert eine ganze Menge, die Sichtweise verschiebt sich – und das nicht nur einmal. Habe ich mich zuvor gefragt, ob mir die Story gefällt, ich weiterlesen will, so treibt es mich danach so richtig vorwärts bis hin zum Schluss, der – nun ja, ganz anders ist als angenommen.
    Als Thriller würde ich die erste Hälfte nicht bezeichnen, eher ist es für mein Empfinden ein durchaus unterhaltsamer Roman, der sich dann als Thriller entpuppt. Berechnend, beklemmend, manipulativ.
    Mein Mann, der Mörder

    Charlotte Barnes
    Mein Mann, der Mörder (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    15.07.2026

    Edward, der Serienmörder – was gibt er preis?

    Will eine Frau, deren Ehemann nachweislich neun Frauen getötet hat und der seit 27 Jahren im Gefängnis sitzt, ihn nochmal sehen? Mehr noch, mit ihm über seine Morde sprechen? Um ihm noch mehr zu entlocken? Denn die Polizei geht davon aus, dass es mehr waren, die durch seine Hand sterben mussten. Auch wird noch immer nach der damals blutjungen Lucy gesucht, auch sie könnte ihm zum Opfer gefallen sein.
    Edward, der Serienmörder, will reden. Allerdings nur mit ihr, mit Maggie, seiner Frau (mittlerweile Ex-Frau). Sie will das nicht, lässt sich aber dann doch überzeugen, da dies die einzige Möglichkeit ist, weitere ungelöste Fälle aufzudecken.
    Als Frau eines Mörders hält sie sich schon die ganzen Jahre über sehr bedeckt, sie will ihre Söhne schützen, wechselt mehrmals ihren Wohnsitz und auch nimmt sie einen neuen Namen an. Aber kann sie ihr früheres Leben zurücklassen? Es einfach abschütteln? Gerade jetzt holt die Wirklichkeit sie mit Gewalt ein, denn die Gespräche setzen ihr enorm zu. Man merkt Maggie ihre Zerrissenheit an.
    Der Thriller wird aus Maggies Sicht erzählt. Es sind zum einen die sehr aufwühlenden Gespräche, die ihr alles abverlangen. Ihre beiden Söhne Otis und Finn sind ihr gegenüber sehr reserviert, ihr Freundeskreis ist sehr überschaubar bis nicht vorhanden, ihre Arbeit erledigt sie im Homeoffice und wie es scheint, hängt ihr ganzes Herz an den vielen eingetupperten Essensportionen, die sie mehrmals wöchentlich zubereitet, an die Tafel liefert und dort an Bedürftige verteilt.
    Wer manipuliert hier wen? Diese Frage stelle ich mir des Öfteren. Ist Maggie dem Ganzen gewachsen, bekommt sie genug Unterstützung durch die Ermittler, die im Hintergrund alles festhalten? Sie wirkt eher zerbrechlich, wohingegen Edward Überheblichkeit ausstrahlt, er genau weiß, was er preiszugeben gewillt ist. Über weite Strecken waren mir die Gespräche zu oberflächlich, die den eigentlichen Kern eher am Rande streifen. Und doch mochte ich das Buch nicht zur Seite legen, die Spannung und auch meine Neugier, was denn alles aufgedeckt wird, ob von Lucy mehr bekannt wird, war immer da. Was dann wirklich enthüllt wird, welch Geheimnis unter der Oberfläche wabert, hätte ich nie für möglich gehalten und auch wie damit letztlich umgegangen wird, ist so gar nicht vorhersehbar.
    „Mein Mann, der Mörder“ ist ein Thriller, der mit lebenslangen Lügen und Geheimnissen aufwartet, der ohne reißerische Szenen auskommt und dennoch fesselt. Ein psychologischer Thriller, der trotz so manch menschlicher Unzulänglichkeiten gut unterhält.
    Alles ihre Schuld

    Andrea Mara
    Alles ihre Schuld (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    15.07.2026

    Der Albtraum schlechthin!

    Marissa Irvine will ihren 4jährigen Sohn Milo von einem Playdate abholen. Sie klingelt an der ihr vorgegebenen Adresse, eine ihr unbekannte Frau öffnet ihr. Schnell wird klar, dass die Adresse nicht stimmt – ein Irrtum? Aber wo ist Milo? In der Schule wird ihr gesagt, dass er von dem Kindermädchen abgeholt wurde. Aber - Ana, sein Kindermädchen, hat frei, sie ist auch nicht zu erreichen, Milo bleibt verschwunden. Ein Horrorszenario!
    Viele bieten ihre Hilfe bei der Suche nach Milo an, wenige sind wirklich engagiert. Und wie es so ist, sind die Hater und die Neider unterwegs, man spürt die Vorurteile, die süffisant verbreitet werden, wundert sich über jene, die an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind. Unterschwellig hört man Anklagen, die unter dem Mantel des Mitgefühls direkt an der verlogenen Oberfläche wabern.
    Milos Verschwinden und die Suche nach ihm ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Wobei Zeit und Orte wechseln, die Kapitel gehen Monate zurück, andere zählen die Tage, die seitdem vergangen sind. Dabei birgt jedes Kapitel ganz neue Erkenntnisse, die im nächsten schon wieder infrage gestellt werden, die wie Versatzstücke, wie Puzzleseine, in Position geschoben werden, dabei nicht immer passen, ausgetauscht werden und dann, so nach und nach, ein klareres Bild ergeben. „Jeder ist verdächtig. Niemand unschuldig.“ Die Polizei ermittelt, ihr entgeht so einiges, als Leser weiß man mehr. Und doch fehlt auch hier der Durchblick. Auch die Charaktere sind nicht zu durchschauen – kein einziger.
    Wenn man meint, man hätte eine Richtung, wird man bald wieder eines Besseren belehrt. Nichts ist vorhersehbar, die raffiniert konstruierte Story bietet Spannung und Verwirrung bis zuletzt. Mich hat es sofort ins Geschehen gezogen, die beklemmende Atmosphäre zieht sich durchs Buch. Die knapp 450 Seiten lesen sich weg wie nix, man vergisst Zeit und Raum, ist voll und ganz im Geschehen.
    Kaltes Versprechen

    Katharina Peters
    Kaltes Versprechen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    14.07.2026

    Äußerst spannend, sehr vielschichtig und kurzweilig

    KALTES VERSPRECHEN ist der Auftaktband der neuen Thriller-Reihe um Krølle, den etwas anderen Ermittler und Rebekka Just, der jungen Kommissarin, die bei der Hamburger Mordkommission Hoffnung auf einen Neubeginn hegt.
    Gleich ihr erster Fall fordert Rebekka alles ab, zumal sie den Unfalltod einer Kollegin eher als Mord einstuft und sie damit ziemlich alleine steht. Lediglich ihr Vorgesetzter Piet Röver gewährt ihr ein kurzes Zeitfenster, um zu diesem tragischen Todesfall weiter zu forschen. Unvermutet bekommt sie von dem sehr wandelbaren Krølle Hilfe, ebenso von der erfahrenen Berliner Kollegin Lone Geising. Beide jedoch bleiben sie unter dem Radar, was Rebekka zuweilen ob ihrer neuesten Erkenntnisse in Erklärungsnöte bringt. Und nicht nur das, sie begibt sich auf gefährliches Terrain. Das ungleiche Ermittlungsduo wandelt auf einem schmalen Grat zwischen Gut und Böse.
    Rebekka und Krølle, die beiden Hauptfiguren, könnten gegensätzlicher nicht sein und doch kann ich sie mir bald alleine nicht mehr vorstellen. Sie ist jung und ehrgeizig, ausgestattet mit einem Gerechtigkeitssinn, der sie immer weitertreibt. Jedes kleinste Detail erfasst sie, lässt ihre Gedanken schweifen, kombiniert haarscharf – sie ist gut in ihrem Job. Und Krølle - schon der Prolog deutet an, wie er gestrickt ist. Zumindest ansatzweise, denn seine Methoden sind so ausgefeilt wie präzise und – sie sind sehr speziell. Möchte ich ihm im wirklichen Leben begegnen? Eher nicht. Und doch ist er mir im Laufe dieser vielschichtigen Ermittlungen durchaus sympathisch geworden.
    Ja, die Ermittlungen decken mehr als „nur“ den Todesfall der Kollegin auf. Es treibt sie unweigerlich vorwärts, sie stoßen auf einen zwanzig Jahre zurückliegenden Fall, der bereits als erledigt zu den Akten gelegt wurde. Je mehr sie zutage fördern, desto gefährlicher wird es auch für sie.
    Mit diesem Thriller hat Katharina Peters mich komplett überzeugt. Die einzelnen Figuren sind gut nachvollziehbar eingeführt, die Handlung logisch aufgebaut, die Ermittlungen intensiv, dabei kann man das große Ganze lange nicht in Gänze durchschauen. Die vielschichtige, durchgehend spannende Story hat mich – einmal angefangen – nicht mehr losgelassen. Diesem ersten Band werden weitere folgen – ich werde unbedingt dabei sein.
    Ferne Heimat Altmontal

    Michael Riepl
    Ferne Heimat Altmontal (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    12.07.2026

    Bewegende Familiengeschichte

    Altmontal – das ist ein Dorf in der Ukraine, das heute, Mitte des Jahres 2026, direkt an der Front liegt. Altmontal – hier wurde Hedwig Krämer, die Großmutter von Michael Riepl, im Jahre 1919 geboren. Dieser Ort in der Schwarzmeerebene war ihr Heimat, hier fühlte sie sich im Kreise ihrer Familie geborgen. „Ferne Heimat Altmontal“ umfasst ein ganzes Leben, von Hedis Geburt bis hin zu ihrem 85. Geburtstag, den sie in Sindlbach in der Oberpfalz feiert.
    Das Buch basiert auf Hedwig Krämers Erinnerungen, die sie über die letzen zehn Jahre ihres Lebens auf 314 Schreibmaschinenseiten aufgezeichnet und ihrer Tochter Johanna und ihren Enkeln Veronika und Michael gewidmet hat. Diese Aufzeichnungen hat der Autor erst kurz nach Hedis Tod von seiner Mutter erhalten. Gerade noch rechtzeitig, denn er nimmt die vielen Seiten mit zu seinem Einsatz für eine humanitäre Hilfsorganisation in der Ukraine.
    Dass seine Oma irgendwo im Osten geboren wurde, war ihm schon bewusst. Den genauen Ort aber wusste er es nie, auch wusste er nichts über ihr früheres Leben im fernen Osten. Dass sie nie über diese Jahre gesprochen hat, ist ein absolut verständliches Verhalten, denn gerade die schlimmen Erlebnisse von Krieg mit all seinen Schrecken, von Hunger und Vertreibung will keiner hervorkramen, die Erinnerungen daran sind zu schmerzlich.
    Wir erfahren, wie die ersten deutschen Einwanderer in die Ukraine kamen. Es war Zar Alexander I., der kompetente Fachkräfte brauchte. Er bot ihnen Land in der Schwarzmeerregion, die Dörfer waren Inseln des Deutschtums, ihre Namen Halbstadt, Ladekopp, Schönau oder auch Altmontal, die heute anders heißen, geben davon Zeugnis.
    Hedis Erzählung dann beginnt mit ihrer Geburt, der Erste Weltkrieg war gerade vorbei, sie erinnert sich an eine unbeschwerte Kindheit, die aber Stalin mit eiserner Hand zunichte machte. Sie berichtet von Hunger, von Verhaftung und Deportation, von Enteignung, von unsäglichen Grausamkeiten. Ihre Ausbildung als Hilfsärztin muss sie abbrechen, sie schafft es in die Kaukasusregion, kommt nach Jahren zurück, bis ihr dann die Flucht nach Bayern gelingt.
    Dazwischen sind wir mit dem Autor unterwegs, das erste Mal ist er 2018 mit der schon erwähnten Hilfsorganisation im Einsatz. Dabei flicht er geschickt seine Berichte in diejenigen von Oma Hedi mit ein. Die beiden Erzählstränge fließen so gekonnt ineinander über, beide Zeitebenen sind interessant geschildert und flüssig zu lesen und – sie sind wahr.
    Eine beeindruckende Familiengeschichte, beide Geschichten sind ein bewegendes Zeugnis ihrer Zeit. Wahre Geschichten, wie das Leben sie schreibt.
    Summer Heat

    Solveig-Marie Kastner
    Summer Heat (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    12.07.2026

    Eher Sommerlektüre denn Thriller

    Die Algarve lockt, das einladende Cover, das die sommerliche Hitze direkt abzustrahlen scheint, ebenso, dazu die Beschreibung, welche einen atmosphärischen Thriller vor herrlicher Kulisse verspricht – ich bin gespannt.
    Dieses Luxusresort, das hoch über dem Meer auf einem Plateau liegt, punktet mit seiner exklusiven Lage und einem Strand, der unter den hoch aufragenden Klippen liegt. Mia bewirbt sich als Animateurin, sie wird hier Yoga-Stunden anbieten und auch wird sie aktives Mitglied der resorteigenen Showtruppe sein.
    Das Buch lockt ungemein, die ersten Seiten sind wie ein Ankommen. Alles ist neu und ungewohnt, man spürt die flirrende Hitze, auch Mia kommt ziemlich abgekämpft an und findet sich alsbald mit den harten Tatsachen konfrontiert, denn hinter den Kulissen dieser champagnergetränkten Glitzerwelt ist nichts schillernd, die Realität der Angestellten ist eher das genaue Gegenteil.
    Mia ist es, die ihre Sicht, ihre Empfindungen, ihre Erlebnisse mit den Gästen, vor allem aber mit ihren Kollegen und Kolleginnen, offenbart. Hier lernt sie Yanis kennen, der hauptsächlich als Barkeeper fungiert und auch er gibt Einblicke in seinen Tagesablauf, die Nächte mit eingeschlossen. Bald kommen sich die beiden näher, sie genießen ihre freie Zeit miteinander und doch hat es den Anschein, als ob da so einiges zwischen ihnen stehen würde. Auch der Ton zwischen den übrigen Angestellten ist eher rau, es gibt Rivalitäten und Eifersüchteleien und nicht nur das – man spürt vieles, das unter der Oberfläche wabert.
    „…nicht, bevor ich getan habe, was ich tun muss.“ Diesen Satz lese ich so oder so ähnlich des Öfteren und natürlich drängt sich mir die Frage auf, was es denn ist, was sie, was Mia tun muss. Ich werde es erfahren – irgendwann, ja. Aber auch dann bin ich etwas ratlos, denn dieser Grund ist so banal, so an den Haaren herbeigezogen, dass ich auf mehr hoffe. Die Story verliert sich in Banalitäten, sie hält sich zu viel in Nebensächlichkeiten auf, die sich über zu viele Seiten ziehen. Dadurch wird es langatmig und auch wenn sich so etliche Gestalten sonderbar benehmen, hat dieses Verhalten keine Thriller-Qualitäten. Yanis dann ist eher ein Akrobat der Betten, sein Geheimnis ist so uninteressant wie wunderlich und auch dann, als eine Leiche gefunden wird, zieht die Story nicht an.
    Das Zwischenmenschliche wird hier sehr ausführlich dargeboten, die Thriller-Elemente dagegen sind rar gesät. Gut, es ist eine nette Geschichte, die jedoch zu viel verspricht. Als versierte Thriller-Leserin bin ich anderes gewohnt. Es ist eher eine Lektüre für zwischendurch vor atemberaubender Kulisse, die schnell gelesen ist. Wie gesagt: ganz nett.
    Pardon, aber da schwimmt eine Leiche in der Schokolade

    Angelika Hager
    Pardon, aber da schwimmt eine Leiche in der Schokolade (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    04.07.2026

    Temporeiche Krimikomödie

    Der erste Polly-Adler-Krimi ist überhaupt meine erste Begegnung mit Polly Adler, obwohl sie sich ja schon lange in sämtlichen Medien rumtreiben soll. Nun, Zeit wird’s, sie mal näher zu betrachten.
    Drängt sich mir die Frage auf, wer denn Polly ist und was sie bis jetzt so getrieben hat. Journalistin ist sie, seit langem schon schreibt sie für „Flash“. Aber nun ist auch diese Zeitung Geschichte, sie haben schlichtweg die Online-Entwicklung verschlafen. Polly jedoch hat ihren journalistischen Blick nicht eingebüßt, sie spürt den jüngsten Ereignissen unerbittlich nach.
    Es herrscht Katastrophenstimmung am Ballhausplatz. Beim Opernball hat ein Bienenvolk Gefallen an dem üppigen Blumenschmuck gefunden, was den Gästen so gar nicht genehm ist. Polly mittendrin mit ihrer geliehenen Robe, welche den Abend nicht unbeschadet überstanden hat. Als Stargast war die ehemalige Snowboarderin Coco Kaputt eher abwesend, was zu verständlichen Verstimmungen gesorgt hat. Als dann ihre Leiche im Schokoladenbottich kopfüber gefunden wird, ist die Aufregung groß.
    Iris, die Chefin des Kranzler, in dem die Kaputt logiert hat, spielt eine tragende Rolle, ebenso die Interimskanzlerin Sissi Kogelnik. Beiden würzt einer, der sich De-licious nennt, ihr Leben. Was auch immer er sonst noch ist, wird im Laufe der nachfolgenden Stunden näher durchleuchtet. Und da ist Gerry Sturz, der Hauptkommissar, der mit seiner Kollegin Britney Wurnitz ermittelt. Mit Gucki Trampusch und den ihren kommt ein Familienzweig dazu, der von Johann Strauß Vater abstammt, wenngleich eher außerehelicher Natur. Die SoKo Maja wird begründet, was wiederum auf den Bienenanschlag zurückgeht, ein Verdächtiger wird ziemlich rasch festgenommen, es tauchen noch ne ganze Reihe anderer Gestalten auf – es geht turbulent zur Sache.
    Dieses geschmeidige Österreich-wienerisch-englische hat es aber auch in sich! Ich mag ihn eh, diesen Wiener Schmäh, der reichlich vorhanden ist und so nochmal aufgepimpt wird. Die ganze Story ist so rasant wie deliziös, so herrlich, einfach köstlich! Von Liebe und Bettakrobatik bis hin zu dem facettenreichen Zwischenmenschlichen ist alles dabei. Skandale und Skandälchen geben sich die Ehre, so manch Szene lässt auf echte Politiker und mehr oder weniger Prominente schließen. Wahres verbirgt sich geschickt hinter Satire.
    Angelika Hager hat mich mit ihrem Schokoladenfall bestens unterhalten, wenngleich ich mit den vielen Gestalten, die Schlag auf Schlag daherkommen, vor allem anfangs meine Schwierigkeiten hatte. Davon abgesehen war ich von dieser temporeichen Krimikomödie sehr angetan. Ein Buch - mit einem Augenzwinkern zu lesen - das gut unterhält.
    Eine zu viel

    Samantha Hayes
    Eine zu viel (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    03.07.2026

    Geschickt konstruiert, perfekt inszeniert

    Dass „eine zu viel“ ist, verrät schon der Titel, darüber hinaus schimmert irgendwann durch, wer dies denn sein könnte und auch das Warum meint man zu wissen. Zum Schluss jedoch wird man eines Besseren belehrt, denn diese Geschichte, die mit dem Tod des Familienvaters Ray seinen Anfang nimmt, lässt sich lange nicht greifen.
    Wie gesagt: Ray ist tot. Connie, seine Ehefrau und Mutter von Kate, Darby und Bea, kennt bereits den Inhalt seines Testaments, das ein lange gehütetes Geheimnis offenbart. Um es ihren Töchtern so schonend wie möglich beizubringen, bittet sie alle mitsamt ihren Partnern und Kindern in ihre Lodge, die sie alle die ganzen Jahre als Feriendomizil genutzt haben. Sie zögert das nicht aufschiebbare Gespräch hinaus, wohl wissend, dass die Wahrheit eine ungeheure Sprengkraft in sich birgt.
    Es ist mein erstes Buch der Autorin, mein letztes wird es bestimmt nicht sein. Sie versteht es, die unterschwellige Spannung mit nicht vorhersehbaren Wendungen und immer neu hinzukommenden Fakten durchgehend zu halten. Schon allein dadurch ist es unmöglich, das Buch zur Seite zu legen, es treibt einen unweigerlich weiter. Man meint, zu begreifen, was es mit den einzelnen Personen auf sich hat, erfährt dann ein weiteres, entscheidendes Detail und weiß, dass man nichts weiß.
    Jede einzelne Person ist mehr, als es zunächst den Anschein hat. Samantha Hayes präsentiert sie und ihr Miteinander, geht tiefer, ihre Charaktereigenschaften treten hervor, sie zeigt Verbindungen auf, die man so nie erwartet hätte. Dabei mag man die einen, andere dagegen verurteilt man. Die Autorin versteht es, mit den Emotionen zu spielen, sie geschickt in eine Richtung zu lenken. Und sie geht weit zurück. Man nimmt das Vergangene wahr, ohne die wirklichen Zusammenhänge ganz zu erfassen.
    „Eine zu viel“ ist ein temporeicher Thriller mit nicht vorhersehbaren Twists, die Brisantes offenbaren und erst dann, dem bitteren Ende zu, die ganze Dramatik einer Familie aufzeigen - komplex, spannend, fesselnd, mitreißend, geheimnisumwittert, undurchsichtig, dubios, böse. Was für ein Buch!
    26 bis 50 von 365 Rezensionen
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