Brandy, Darkchild: Auf gute Zusammenarbeit!
NEVER SAY NEVER von Brandy ist ein Paradebeispiel dafür wie die Endneunziger und der Anfang der Nullerjahre geklungen haben. Amerikanischer Smooth-R&B mit starken weiblichen Vocals wie jenen von Aaliyah, Destiny's Child, Janet Jackson, TLC und Toni Braxton regierte die weltweiten Charts. In einigen Tracks von Brandys 1998 veröffentlichtem NEVER SAY NEVER, wie der Single TOP OF THE WORLD, setzt man sogleich ein Wasserzeichen, indem man den Produzenten der Platte namentlich benennt. Es ist nämlich auch die Zeit der großen Produzenten wie Timbaland, William Orbit, RedOne und eben Darkchild. Den Machern hinterm Mischpult lässt man mehr Bedeutung zukommen und die Labels benutzen sie wie eine übergroße Werbetafel, welche den soundtechnischen Tortenboden des Früchtekuchens besonders bewirbt. Die hauchende Stimme von Brandy dient Darkchild als Leinwand, welcher er die passenden (Klang-)Farben verleihen kann. Wenngleich die Texte über unglückliche Liebe und Untreue universelle Themen sind, die immer aktuell bleiben, so geradlinig und regelrecht harmlos fällt dann auch der soulige Pop auf NEVER SAY NEVER aus. Immerhin wirft das Album Brandys Erkennungsmelodie THE BOY IS MINE im Duett mit Monica ab und auch eine meiner Meinung nach eher verzichtbare Coverversion von Bryan Adams' kitschigem (EVERYTHING I DO) I DO IT FOR YOU. Die wahren Perlen verstecken sich jedoch in den ruhigeren Titeln, den sexy Midtemponummern ANGEL IN DISGUISE (Anspieltipp) und HAPPY sowie den Balladen HAVE YOU EVER und TOMORROW (sehr sentimental, Anspieltipp 2). Darin kann Brandy ein bisschen mit ihrem stimmlichen Talent flexen. Jedenfalls hat NEVER SAY NEVER einen ähnlichen Vibe wie INVINCIBLE von Michael Jackson, das zufälligerweise auch von Darkchild produziert worden ist. Hoffentlich wird noch Brandys Folgealbum FULL MOON mit einer Repress bedacht (aus zweiter Hand ist das Original nämlich unbezahlbar), weil das nochmal wesentlich gefälligere Hooks hat, mehr clubtaugliches Material mit tiefergehenden Beats aufweist.
Pünktlich zum 25. Jubiläum des Albums, das auch gleichzeitig den 75. Geburtstag des Labels Atlantic markiert, veröffentlicht der Vertriebsriese Warner die allererste Wiederveröffentlichung überhaupt von NEVER SAY NEVER auf Schallplatte. Das Cover des Doppelvinyls wurde wie bei der Erstveröffentlichung auf eine einfache Kastentasche, die viel Stauraum beherbergt, gedruckt. Die Close-Up-Aufnahme von Brandys Gesicht soll übrigens so grobkörnig aussehen, denn auch das Original von 1998 hatte das schon auf Vinyl und CD. Das ist also kein Makel in der Druckqualität. Anders als beim Original hat man das Vinyl nicht schwarz eingefärbt, sondern kristallklar gelassen. Sieht spektakulär aus, ist in der Handhabung aber eher schwierig, wenn man einzelne Songs direkt anspielen will und dann die Rillen der anderen Seite durchscheinen. Zumindest stecken die beiden Platten von Hause aus in gefütterten Innenhüllen. Bedruckt sind diese nicht. Ein zweiseitiger Beileger mit allen Songtexten und Danksagungen der Sängerin gibt alle relevanten Infos zu NEVER SAY NEVER wieder. Das Album selbst klingt sehr aufgeräumt und hat jene kristallklare Mitten und Höhen wie die Vinylfarbe, während die Tiefen mit dezentem R&B-Bass sanft aufliegen. So wünscht man sich das. Natürlich wäre eine Klapphülle optisch ansprechender gewesen, aber akustisch kann man wirklich nicht meckern, zumal ich bei meinem Exemplar keine Pops und Knackser beklagen muss. Es gibt viel fürs Geld - 4 Sterne.